Wo anfangen?
Vielleicht bei den Unterschieden zwischen den zwei Versionen von George Harrison’s While My Guitar Gently Weeps, um die es hier geht.
Die erste, aus dem Concert for George anlässlich seines frühen Todes, stammt von 2002. Hier ist eine geradezu obszöne Menge an musikalischer Brillanz versammelt: Nicht nur die beiden verbleibenden Beatles, Paul und Ringo, sondern auch Eric Clapton und Marc Mann an den Leadgitarren, Jeff Lynne und Andy Fairweather-Low an den Rhythmusgitarren, Jim Keltner am (zweiten) Schlagzeug, der unverwechselbare Ray Cooper als Percussionist, Gary Brooker von Procol Harum sowie Billy Preston an den Tasten und und und. Im Grunde also eine Fusion von Electric Light Orchestra mit den Beatles und den Travelling Wilburies, ergänzt durch andere Szenegrößen und einen Bläsersatz. Ergebnis: Ein Wall of Sound mit Clapton als Dominator.
https://www.youtube.com/watch?v=CrTMc2i6Lzc
Die zweite Version, aufgenommen bei der Einführung George Harrisons in die Rock & Roll Hall of Fame 2004, ist dagegen etwas sparsamer angelegt; von der früheren Truppe sind noch Jeff Lynne, Marc Mann und Dhani Harrison, Georges Sohn, übriggeblieben. Hinzugekommen sind unter anderem Tom Petty, der sich mit Lynne die Vocals teilt, Stevie Winwood an den Keyboards und Jim Capaldi mit der Percussion.
Ach ja – und noch ein scheu am Rande stehender kleiner Mann mit großem rotem Hut, den die Kamera aber nur gelegentlich streift.
Es dauert dreieinhalb Minuten, bis dieser Typ auf einmal nach vorn tritt, als zweiter Gitarrist nach Marc Mann ein Solo spielt und sich die nächsten zweieinhalb Minuten auch nicht mehr davon abbringen lässt. Die anderen sind gerne bereit, ihm dafür die rhythmische und gesangliche Grundlage zu liefern, denn was dieser Mann – er nennt sich Prince – da vorführt, ist atemberaubend. Um das zu erkennen, muss man nur Dhani Harrisons Mimik verfolgen.
Am Schluss wirft der kleine Mann mit dem großen Hut seine Gitarre einfach weit von sich und geht ab; es bleibt zu hoffen, dass Jim Capaldi hinten an den Bongos die Geistesgegenwart hatte, das Ding reaktionsschnell wieder aufzufangen.
Wie es dem Ensemble gelingt, ein ziemlich trauriges Lied (die weinende Gitarre symbolisiert die vielen verpassten Möglichkeiten, die Welt im Persönlichen und Politischen zum Besseren zu wenden) zu einer Feier des musikalischen Zusammenspiels im Gedenken an seinen Komponisten umzuwidmen, ist schon bemerkenswert.