Kontroverse zwischen Kompany und Bischof: Was sagen die Daten des FC Bayern?

Veröffentlicht unter: FC Bayern: Kompany vs. Bischof! Das sagen die Zahlen

Vincent Kompany kassiert nach dem 1:0-Sieg des FC Bayern in Wolfsburg eine Aussage von Tom Bischof ein. Aber was sagen eigentlich die Daten zur kleinen Kontroverse? Am Samstagabend ist etwas passiert, was unter Vincent Kompany beim FC Bayern München bisher so gut wie nie passiert ist: Der Trainer kassierte eine Aussage eines eigenen Spielers ein. „Der junge Spieler hat einen Fehler gemacht in diesem Interview“, sagte der Belgier bei Sky überraschend deutlich über Tom Bischof. Der 20-Jährige äußerte sich zuvor kritisch über das bayerische Pressing. „Wir machen einfach nicht mehr die kleinen Basics“, analysierte Bischof kurz zuvor die Defensivprobleme des…

13 „Gefällt mir“

Wirklich hochspannende Analyse - Danke, @justin !

4 „Gefällt mir“

Erstmal vielen Dank für diese ausgiebige Analyse.

Dieser Zwiespalt ist natürlich vorhanden und ich verstehe auch beide Seiten der Diskussion.

Wenn der Ball häufiger verloren wird, muss man in einem so intensiven Spielsystem auch häufiger in Sprints und arbeitet mehr als es bei längeren Ballbesitzphasen der Fall wäre. Gleichzeitig will man den Gegner überraschen und dafür braucht es Tempo mit dem Ball. Zwischen beiden Extremen eine Balance zu finden, ist für Systeme wie jenem der Bayern ein Kernaspekt.

Für mich ist Bayern unter Kompany nicht die Mannschaft die 5-10 Minuten lange den Ball hält bzw. zirkulieren lässt um eine Lücke zu finden oder den Ball sogar ins Tor zu tragen. Bayerns Stärke ist eher den Ball im Pressing bzw. Gegenpressing zu gewinnen und dann auf eine etwas ungeordnetere Defensive zu treffen. Und um dann Kräfte zu sparen hat man versucht so früh wie möglich die Spiele zu entscheiden. Die perfekte Lösung gibt es glaube ich auch nicht. Ich denke aber eine Lösung wäre eine noch konsequentere stärkere Rotation wie es bei Paris geschieht. Und wenn die Stammspieler in der ersten Hälfte dann auch ihre Tore machen, kann ich mir gut vorstellen, dass sie in der zweiten Hälfte bereit sind schnell ausgewchselt zu werden. Wenn die Spiele aber noch nicht entschieden sind, dann wollen sie natürlich weiterhin der Mannschaft helfen. Ansonsten gäbe es natürlich auch die Möglichkeit noch mehr gute Spieler zu holen, aber da sehe ich nicht die finanziellen Mittel.

Das ist keine Mannschaft. Die These, Kompanys oberste Prio sei Gegenpressing, lässt sich statistisch übrigens nicht stützen. Sein Team ist in erster Linie eine Ballbesitzmannschaft und nutzt hohes Pressing und Gegenpressing als Sicherheitsanker, um schnell wieder in Kontrolle zu kommen.

Beides ist unabdingbar miteinander verknüpft. Kein Team in der Champions League spielt mehr Pässe pro 90 Minuten als Bayern. Nur zwei Teams haben mehr Ballbesitz (Barca, PSG; je marginal mehr). Kein Team hat mehr Pässe, ehe eine Defensivaktion des Gegners erfolgt (was für lange Ballbesitzphasen spricht). Gegenpressing und Pressing sind ein Mittel zum Zweck. Der Zweck sind Dominanz und Tore. Niemand spricht davon, Bayern würde den Ball ständig quer laufen lassen. Sie spielen vertikal und mit Tempo, aber mit viel Kontrolle und ja, auch mit vielen längeren Ballbesitzphasen. Ein modernes Ballbesitzteam eben.

4 „Gefällt mir“

Dann formuliere ich es anders. Ich finde es richtig, in den ersten 10-20 Minuten möglichs stark zu pressen und früh draufzugehen um möglichst viele Tore zu schießen. Das wird nicht immer funktionieren, aber in der Bundesliga sollte das gegegn die meisten Menschen funktionieren sowie die Spiele entscheiden und so sollte man dann auch langfristig Energie sparen können.

Deine Kommentare klingen so, als würdest du Pressing und Ballbesitz trennen. Ich dachte, das haben wir nach dem Unsinn, der teilweise über Guardiolas Bayern berichtet wurde, längst hinter uns gelassen. Das eine gehört zum anderen dazu.

Jedenfalls verstehe ich deinen Punkt nicht wirklich. Ballbesitz, Tempo, Vertikalität und hohes Pressing schließen sich nicht aus, sondern gehören zusammen.

2 „Gefällt mir“

Trennen würde bzw. will ich das natürlich nicht. Aber Kompany kritisiert das hier:

Es gehe eher darum, „dass man vielleicht nicht immer das Gefühl haben muss, dass man in den ersten 10–15 Minuten schon 3–4 Tore machen muss und die anderen dann einfach auf dem Boden liegen.

Ich finde aber genau so und noch intensiver sollte unsere Mannschaft in den ersten Minuten draufgehen. Es wird nicht immer funktionieren bzw. aufgehen, aber in der Bundesliga eben oft genug, dass es sich auszahlt. Und wenn es wirklich nicht funktioniert, kann man ja auch spätestens nach 20 Minuten wieder etwas gediegener pressen.

Jedes Topteam ist zwangsläufig eine Ballbesitzmannschaft, weil schwächere Gegner den Ballbesitz entweder freiwillig abgeben oder nicht halten können.

Der Unterschied zwischen einem Typ Pep und einem Typ Klopp ist nicht die Ballbesitzstatistik, sondern dass der eine das Behalten des Balles als oberste Priorität und das Gegenpressing als Notfallplan sieht. Der andere geht im eigenen Ballbesitz hingegen mehr Risiko mit Vertikalität und sieht im Ballverlust eine Gelegenheit.

Ein Guardiola würde niemals so risikoreich spielen, wie wir in den letzten CL-Spielen. Der holt auswärts am liebsten ein 0:0 mit 80% Ballbesitz.

Bei Kompany liegt der Fokus nicht auf Dreiecken, auf perfektem Positionsspiel, auf der berühmten Zone 14, sondern auf Direktheit, Druck, Aggressivität, Restverteidigung. D.h. nicht, dass er die anderen Aspekte ignoriert. Hat Klopp auch nicht. Genauso ignoriert Pep auch nicht die jeweils anderen. Der Fokus, das Mindset dahinter, ist jedoch ein anderes. Wir spielen keinen Ballbesitz des Ballbesitzes wegen. Pressing ist kein Sicherheitsanker, sondern Teil der Gewinnstrategie.

Unsere Grundformation ist ein klassisches 4-4-2-Pressing, kein holländisches 4-3-3 für Ballbesitzkontrolle.

Kompany ist nicht Guardiola. Hat aber auch nie jemand behauptet, bleib doch bitte bei dem, was ich schreibe und reduziere nicht, was ich schreibe, auf eine Ballbesitznummer.

Kompany ist aber noch weniger Klopp als er Guardiola ist. Im modernen Fußball gibt es kaum noch Mannschaften, die so spielen, wie Guardiola 2015 hat spielen lassen. Nicht mal Guardiola selbst lässt so spielen. Der Fußball hat sich verändert, ist nochmal schneller und athletischer geworden. Moderne Ballbesitzmannschaften spielen deshalb auch anders als klassischere Ballbesitzmannschaften.

Wenn Kompanys Fokus aber vor allem auf Gegenpressing liegen würde und es nicht ein Mittel zum Zweck wäre für ihn, dann würde er das Spiel noch viel stärker darauf auslegen. Genau das machen die Bayern aber nicht. Kompany fordert weniger Ballverluste, weniger Pressingmomente. Aber die, die man hat, sollen Vollgas gegangen werden. Was dann mit dem Ballgewinn passiert, hängt von der Situation ab. In aussichtsreichen Situationen wird man keine Ballsicherung erleben, sondern Fokus auf Abschluss. In weniger aussichtsreichen Situationen erfolgt die Ballsicherung.

Übrigens ist City nicht allzu weit weg von den Bayern in allen relevanten Statistiken, die Auskunft über Spieltempo, Vertikalität und Pressing geben. Gemeinsam mit Barcelona und PSG das Team, das den Bayern gesamtstatistisch am ähnlichsten ist.

3 „Gefällt mir“

Weil Pep und Klopp über die Jahre viel voneinander gelernt und sich daher immer mehr angeglichen haben. Man könnte sagen, sie sind gegen eine Art optimalen System-Fußball konvergiert - oder haben dies zumindest versucht. Andere Trainer wie Flick oder auch Kompany haben dann ihre Variante daraus gezogen.

Diese Art von Mannschaften zeigen daher mittlerweile wenig Vielfalt, sehen alle irgendwie ähnlich aus und landen logischerweise auch bei ähnlichen Statistiken.

Die Unterschiede liegen dabei in den Details. PSG spielt beispielsweise mit einem zentralen Mittelfeldspieler mehr und legt generell den Fokus mehr darauf, das mittlere Drittel zu kontrollieren. Flick (aus der schwäbische Pressingschule Klopp, Rangnick und co.) und Kompany legen ihren Fokus darauf, den Gegner mit Pressing zu erdrücken. Bei uns haben die Außenverteidiger beispielsweise primär die Aufgabe, Lücken zu zu laufen (offensiv, wie defensiv), weswegen physische Skills wichtig sind. Pep legt auf der Position mehr Wert auf Pass- und Dribblingskills.

In den letzten Wochen hat er die Mannschaft extrem aggressiv und risikoreich eingestellt. Innenverteidiger als 8ern agieren zu lassen und gleichzeitig weniger Ballverluste zu forcieren, passt da für mich nicht zusammen.

City und Bayern gehören beide zur Familie moderner Dominanzteams, aber sie sind m.E. nicht identisch.

City ist in dieser Saison stärker auf kontrollierte Zirkulation und Risikomanagement ausgelegt.

Bayern ist ballbesitzstärker, aber zugleich deutlich wuchtiger und früher vertikal. Die Zahlen zeigen das klar dass Bayern mehr Ballbesitz, viel mehr xG, mehr Schüsse und deutlich mehr Schüsse aufs Tor pro Spiel hat.

Dafür ist City defensiv etwas stabiler und lässt weniger Gegentore pro Spiel zu. Kompanys Bayern ist also nicht weniger Ballbesitzmannschaft als City, eher im Gegenteil. Aber es ist eine aggressivere, abschlusshungrigere und riskantere Variante dieses modernen Ballbesitzfußballs.

1 „Gefällt mir“

Super-interessante Analyse, die klarmacht, wo Bischof einen gewissen Punkt hat und trotzdem Kompany’s Erwiderung auch von Daten gestützt wird. Das Spiel gestern war dann auch ein gutes Beispiel, mit den unterschiedlichen Hälften.

Erwähnenswert finde ich aber auch wieder den eigentlichen Anlass für den Artikel. Wie Kompany diese Aussage souverän einfängt, die Sachlage darstellt und gleichzeitig Bischof korrigiert wie lobt - hohe Schule.

1 „Gefällt mir“

Das sagt ja auch niemand.

Aber diskutiert ihr das untereinander aus.