@Cosray8d, @WunderVonGetafe:
Ich habe eure Debatte mit Interesse gelesen. Und gleichzeitig kam sie mir zunehmend absurd vor, nicht wegen eurer Argumente, die beiderseits vernünftig und bedenkenswert sind, sondern weil sich das letztlich zu der Frage hochzuschaukeln schien, wer der Böseste von all den Bösen sein könnte.
Aus Sicht eines in mancher Hinsicht versauten ehemaligen Politologie-Studenten kam mir der Gedanke, dass dies keine Frage ist, die zu klären wichtig wäre - zumindest was die moralische Seite betrifft. Das soll weniger provokativ gemeint sein als es wohl klingt.
Aber wenn wir davon ausgehen, dass keiner von uns ernsthaft in Verdacht steht, gewisse Regime in irgendeiner Art abzufeiern oder zu verteidigen oder zu rechtfertigen, dann stellt sich zuallererst auch die Frage, aus welcher Position heraus wir unsere Argumente einbringen. Wir sitzen hier in einem Land, in dem man - bei aller Kritikwürdigkeit, bei allem Realismus, was auch hierzulande fragwürdig läuft - sich jederzeit hinstellen und Kritik an den Machthabenden üben kann. Und man kann darüber streiten, ob dies noch in der Form geschehen kann, die man sich wünscht, man kann hinterfragen, welches Echo diese Kritik erntet und wo die Entwicklung hingeht - doch den normativen Fakt, dass es möglich ist, kann man nicht bestreiten.
Auf diesem Pfad versuche ich für meinen Teil, so etwas wie eine Einschätzung anderer Akteure vorzunehmen. Nicht über die Frage der atomaren Bewaffnung, sei sie nun vorhanden oder gewünscht oder angestrebt. Die Logik der atomaren Abschreckung, wie wir sie noch im letzten Jahrhundert kannten, ist leider heute nicht mehr Teil einer vernünftigen Debatte, teils, weil wir nicht mehr im kalten Krieg mit seinen beiden Polen leben, teils, weil sie in ihrer kalten Stringenz schon damals nicht von jedem erfasst wurde, teils, weil es, wie wir ja festgestellt haben, schon schwer genug wäre, diese Frage faktisch zu verifizieren, wie im Falle Iran.
Deswegen führen direkte Vergleiche zwischen den verschiedenen Ländern auch zu keiner direkten Handlungsoption, wäre ich denn verantwortlicher Politiker. Und im extrem komplexen internationalen politischem Geflecht ist diese Frage nur eine von Dutzenden und Aberdutzenden. Womit ich wieder auf mein Studium zurückkomme, wo ich lernen “durfte”, wie man internationale Konfliktherde analysiert, um zu jener Handlungsoption zu kommen.
Dieser Prozess ist, soviel darf ich sagen, auf Dauer prägend, aber ernüchternd. “Moral”, oder was wir dafür halten, kommt dabei übrigens, wenn überhaupt, auf eine ähnliche Art und Weise vor wie etwa die Aufteilung von Sunniten und Schiiten im Irak/Iran gehandhabt wird: es ist ein Faktor, den man in die Analyse mit einbezieht, aber nicht selbst anwendet. Was dann dabei herauskommt, ist eine ausufernde Faktensammlung, die (hoffentlich) Politikern, die eine Entscheidung zu treffen haben, zur Kenntnisnahme vorgelegt wird, auf dass sie Vernunft walten lassen. Wer über diesem Vorgang nicht zum Zyniker wird, hat meinen Respekt.
Warum erzähle ich all das?
Nun, ich finde dieses Spannungsfeld zwischen kalter Analytik und ehrlicher Empörung einfach hochinteressant. @Cosray8d möge mir verzeihen: im behandelten Fall des Angriffs auf den Iran bin ich persönlich deutlich näher an @WunderVonGetafe’s Ansatz. Aber ich habe hohe Sympathie für die (ohne Zweifel ja auch relevanten) Argumente @Cosray8d’s.
Der Schuss Idealismus, den ich mir persönlich leiste, ist letztlich dieser:
Wie steht das eigene Volk zur existierenden Regierung, zu den regierenden Machthabern? Wie ist die Situation der eigenen Bevölkerung? Haben sie die Macht, sich eine andere Regierung zu wählen?
Gerade weil wir selbst in einem Land leben, in dem das (noch) möglich ist, ist das für mich einer der entscheidenden relevanten Aspekte, der meine - nennen wir es ruhig beim Namen - moralische Haltung gegenüber einem Land prägt. Und daher halte ich es für unbedingt erwähnenswert, wie Iraner im eigenen Land wie auch weltweit diesen Angriff auf sich selbst einschätzen. Ungeachtet aller Risiken, ungeachtet leider auch bezüglich aller Zukunftsszenarien. Ungeachtet auch bezüglich der Motivationslage der Angreifer. Dieses iranische Regime muss fallen, und keine noch so brillante Analyse oder Völkerrechtslage wird mich dazu bringen, dies anzuzweifeln.
Doch wird es das? Ich bezweifle es. Ich zweifle auch an den Motiven der Angreifer, natürlich tue ich das. Ich zweifle an der weiteren Entwicklung und versuche mich an Szenarien, wie sich das Land entwickeln könnte. Und gleichzeitig versuche ich meine persönlichen Haltungen als Teil einer liberalen Demokratie sowie als Beobachter einer komplex verflochtenen Welt auszutarieren.
Dieser Krieg ist nicht weit weg. Fast kein Krieg solcher Größenordnung ist das heute noch. Auch wir in Deutschland werden die Auswirkungen spüren, und sei es “nur” wirtschaftlich. Doch darf uns dies nicht verleiten, diese unsere Auswirkungen zum alleinigen Maßstab zu machen, ebenso wenig wie wir unsere moralischen Ansprüche dazu machen, ohne sie wiederum gänzlich zu verleugnen.
Und so schließe ich den Bogen (Sorry, dass ich euch so vollgelabert habe) damit, dass ich solche Debatten wie die von @Cosray8d und @WunderVonGetafe allein deswegen letztlich wundervoll finde, weil sie respektvoll geführt werden in einer Umgebung, in der dies möglich ist.
Im Iran war es das nicht, bei weitem nicht. Und ich finde es extrem erwähnenswert und auffällig, wie sehr und wie oft ich bei Stimmen von Iranern höre, dass sie genau das wollen - demokratische Strukturen, innerhalb derer man sagen kann, was man will, leben kann, wie man will. Und dabei leben wir doch angeblich in einer Zeit, wo nichts so sehr unter Druck ist, wie genau diese Staatsform.
Und daher ist genau das mein Maßstab für Schurkenstaaten: wie schaut’s mit der Demokratie aus. Je schlechter, desto schurkischer.
(Und mein Politogie-Prof langt sich ans Hirn. Soll er.)