An dem Text hatte ich schon die Woche über gearbeitet, ihn aber für Bodø/Glimt zwischendurch liegen lassen. Letzten Sonntagabend verkündete die ACF Fiorentina die erste Trainerentlassung in einer der Top-Ligen. Nach nur drei Spieltagen und einer miserablen Bilanz von 0 Punkten und einem Torverhältnis von 1:9 musste der erst im Sommer verpflichtete Fabio Grosso gehen. Paradoxerweise bekam die Fiorentina noch im Sommer viel Lob für ihre Transferverpflichtungen, die allerdings auch 150 Mio. verschlungen haben. Unglaublich viel Geld für ein Team, das letzte Saison gegen den Abstieg spielte und nur 26,5 Mio. über Verkäufe einnahm. War nun das Transferfenster doch nicht so gut wie erwartet, oder hat der Trainer zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht? Um das zu beurteilen, spulen wir erstmal noch ein bisschen zurück.
Die Ära Rocco Commisso
In ihrer so ruhmreichen wie wechselhaften Geschichte begann für die Fiorentina 2019 eine neue Phase, als Rocco Commisso den Verein von der italienischen Unternehmerfamilie Della Valle kaufte. Commisso kam als Kind aus Kalabrien in die USA, arbeitete für Banken und den Pharmakonzern Pfizer, bevor er mit einem erfolgreichen Medienunternehmen Milliardär wurde. Als Student war er ein passabler Fußballer am College und sein Leben lang Fan insbesondere des italienischen Fußballs. 2017 übernahm er Cosmos New York, der mit dem einstigen Klub von Pele und Beckenbauer aber nur die Markenrechte gemeinsam hatte. Gemeinsam mit anderen Klubbesitzern aus der NASL trieb er juristische Auseinandersetzungen mit der MLS und dem Fußballverband voran, um den Status der MLS als geschlossene Top-Liga in den USA aufzuweichen und die NASL-Teams in ein Ligensystem mit Auf- und Abstieg zu integrieren. Als dies scheiterte und sich ein Spielbetrieb nicht mehr lohnte, verkaufte Commisso die Lizenz und Namensrechte an ein drittklassiges Team aus New Jersey.
Ohnehin hatte sich Commisso mit dem Kauf Fiorentinas einen größeren Traum erfüllt, nachdem er zunächst auch versuchte, AC Milan zu übernehmen. Commisso versprach große Investitionen und baute tatsächlich für 150 Mio. auf eigene Kosten ein hochmodernes Trainingszentrum für die Männer-, Frauen- und Jugendteams, das 2023 fertiggestellt wurde und seinen Namen trägt. Durch das Sponsoring seines Unternehmens Mediacoms, sportlichen Erfolg und höhere Vermarktungserlöse, stieg der Umsatz Fiorentinas seit der Übernahme um beinahe das doppelte auf knapp 200 Mio. An der Spitze des Vereins installierte er seinen Vertrauten Joe Barone, wie er Italoamerikaner aus New York mit einer Doppelkarriere als Banker und Funktionär im US-amerikanischen Amateurfußball und bei Cosmos. Nach Barones Tod 2024 übernahm mit Mark E. Stephan ein Mann von Mediacom als CEO des Vereins, der sich im Hintergrund um die Finanzen kümmerte, während mit Alessandro Ferrari ein seit 2018 im Verein tätiger Medienprofi Alltagsgeschäfte, Kommunikation und Repräsentation übernahm.
Für die sportliche Führung holte Commisso Daniele Pradè zurück, der bereits zwischen 2012 und 2016 Sportdirektor der Fiorentina war, und sie in dieser Zeit gemeinsam mit Trainer Vincenzo Montella in den Top-4 der Serie A etabliert hatte. Nach Jahren ausgeglichener Transferbilanzen investierte die Fiorentina und holte unter anderem Spieler wie Sofyan Amrabat, Franck Ribery, Kevin-Prince Boateng oder Nico Gonzalez, landete aber auch jede Menge teure Transferflops und musste überdies mit Vlahovic, Chiesa und Amrabat ihre stärksten Spieler zu Juventus und Manchester United ziehen lassen. Unter Trainer Vincenzo Italiano erreichte man drei Jahre in Folge die Top 8 der Serie A, kam auch im Pokal und der Conference League weit. Sein Nachfolger Raffaele Palladino wurde gar Sechster, zerstritt sich aber mit Sportdirektor Pradè und trat nur wenige Wochen nach seiner Vertragsverlängerung entnervt zurück. Zur Saison 2025/26 wurde zum Angriff geblasen. Aus Saudi Arabien holte man Trainer Stefano Pioli zurück, der nach einer mäßig erfolgreichen ersten Station bei Fiorentina 2019 die AC Milan übernommen hatte, mit dem Verein die Meisterschaft und ein Champions League Halbfinale erreichte und 2022 Trainer des Jahres in Italien war. Mit vereinsinternen Rekordausgaben von 93 Mio. sollte die Mannschaft verstärkt werden. Es kamen u.a. Nicolò Fagioli, Roberto Piccoli, Simon Sohm, Edin Dzeko, Albert Gundmundsson und Robin Gosens. Doch die Saison endete im Abstiegskampf, Stefano Pioli und Daniele Pradè mussten im November 2025 gehen. Als Trainer übernahm bis Saisonende Paolo Vanoli, der seine Karriere im Trainerstab von Antonio Conte bei Inter und Chelsea begonnen hatte und später Spartak Moskau, Venezia und Torino trainierte. Er schaffte den Klassenerhalt und führte Fiorentina ins Viertelfinale der Conference League, wo man dem späteren Titelträger Crystal Palace unterlag.
Fabio Paratici und die Neuausrichtung 2026
Inmitten der sportlichen Krise erreichte den Verein am 16. Januar 2026 die Nachricht vom Tod Rocco Commissos, der den Besitz von Mediacom und Fiorentina an seinen Sohn Giuseppe übertrug. Anders als bei seinem Vater ist von einem größeren fußballerischen Interesse bei ihm nichts bekannt. Seine pathetischen Ansprachen über die Zukunft des Vereins in gebrochenem Italienisch mit schwerem amerikanischen Akzent stießen auf gespaltene Reaktionen unter den Tifosi der Fiorentina. Giuseppe Commisso bestätigte die Vereinsführung, versprach Kontinuität und wusste, dass der Verein hinsichtlich der Vakanz in der sportlichen Führung einen Trumpf in der Hinterhand hatte, womit er sich ruhigen Gewissens auf die US-amerikanischen Geschäfte der Mediacom fokussieren konnte.
Nach Ablauf des Wintertransferfensters kam im Februar 2026 Fabio Paratici von Tottenham Hotspur als neuer Sportdirektor. Paratici erklärte später, er sei nicht von Fiorentina abgeworben worden, sondern hätte vielmehr selbst Rocco Commisso überzeugen müssen, ihn zu verpflichten. Die Entscheidung dazu habe er Mitte Dezember getroffen, um wieder in der Serie A bei einem Team mit ambitionierten und finanzstarken Besitzern zu arbeiten. Ich wollte zu Paratici eigentlich viel mehr hier schreiben, aber letztendlich ist seine Geschichte so spannend wie ausufernd, sodass ich das in einen späteren Extra-Post auslagern werde. Fürs Erste soll uns genügen, dass die Beurteilung seines Schaffens weit auseinandergehen. Die einen sehen in ihm das Transfergenie, das den Juventus-Kader zusammengestellt hat, der in den 2010ern wie nie zuvor den italienischen Fußball dominiert hat. Die anderen weisen auf die 30-monatige Sperre hin, die er gemeinsam mit anderen Juve-Funktionären von der FIFA wegen Bilanzfälschungen aufgedrückt bekommen hatte, und sagen, dass sein Transfergenie sich bei Tottenham vor allem darin geäußert hätte, Ex-Juve-Spieler zu verpflichten und er chronisch falsch mit seinen Trainerentscheidungen läge. Nun denn…
Einig sind sich alle, von italienischen Medien bis hin zu Tottenham-Fans, dass Paratici sich bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt vor allem um das Wintertransferfenster der Fiorentina kümmerte. Die Neuverpflichtungen trugen jedenfalls seine klare Handschrift. Manor Solomon hatte Paratici einst zu Tottenham geholt, Daniele Rugani als jungen Spieler zu Juventus. Beide kamen auf Leihbasis, ebenso wie Jack Harrison von Leeds United. Auch der von Atalanta gekommene Mittelfeldspieler Marco Brescianini galt als expliziter Wunschtransfer von Paratici. Ebenso wie bei Giovanni Fabbiani von Bologna war seine Leihe an eine Kaufpflicht bei Klassenerhalt gebunden.
Durch den Nicht-Abstieg und die Leistung in der Conference League fand die Saison für die Fiorentina ein glimpfliches, aber für Paratici kein versöhnliches Ende. Wütend über die enttäuschenden Leistungen sprach er sich für eine tabula rasa aus und stellte den kompletten Kader zum Verkauf, mit Ausnahme des italienischen Top-Talents Cher Ndour. Dass am Ende neben ihm auch das Torwart-Trio um Routinier David De Gea, Pongracic, Parisi, Ranieri, Dodo, Fagioli, Brescianini und Leihrückkehrer Sottil blieben, lag schlicht daran, dass für sie keine attraktiven Angebote eingingen, bzw. sich Transfers wie bei Sottil und Dodo auf den letzten Metern zerschlugen. Den notwendigen Wiederaufbau mit einem völlig neuen und zukunftsträchtigen Kader wollte Paratici nicht in die Hände von Vanoli legen, obwohl dessen Verbleib auf dem Trainerposten von vielen Tifosi gefordert wurde. Stattdessen verpflichtete er Fabio Grosso, der Sassuolo 2025 zum Aufstieg in die Serie A und im Folgejahr auf einen 11. Platz führte. Grosso spielte in Paraticis Zeit bei Juve bis zu seinem Karriereende 2012. Danach wurde er Jugendtrainer und 2014 von Paratici zum Trainer der U-20 befördert. Auch nachdem sie später Juventus in unterschiedliche Richtungen verlassen sollten, trafen sie sich regelmäßig in Turin, wo ihre Familien leben.
Um Platz für seinen Neuaufbau zu schaffen, trieb Paratici die Verkäufe energisch voran. Darunter waren auch viele Talente aus dem Profikader, die für kleine Summen von 1-2,5 Mio. abgegeben wurden: Luis Balbo (Sturm Graz), Jonas Harder (FC Basel), Riccardo Braschi (FC Thun), Alessandro Bianco (Modena) und Lorenzo Lucchesi (Monza) deuteten zu Saisonbeginn durch erste Einsätze bei ihren Erst- oder Zweitligaklubs an, dass sie durchaus das Zeug für eine Profikarriere haben. Richtig bereuen könnte Fiorentina vielleicht einmal den Verkauf von Lorenzo Amatucci, der sich als Eigengewächs in diese Riege einreiht und für 2,5 Mio. unter Marktwert an La Liga-Aufsteiger Deportivo A Coruña verkauft wurde, wo er direkt Stammspieler im defensiven Mittelfeld wurde. Das gleiche könnte für die Abwehrspieler Niccolò Fortini (20) und Pietro Comuzzo (21) gelten, die beide auf Leihbasis mit Kaufoptionen von 9 bzw. 19 Mio. an Torino abgegeben wurden, obwohl sie immerhin schon ihre Debüts in der italienischen Nationalmannschaft feiern konnten. Zumindest bei Torwart Tommaso Martinelli (Avellino) und Abwehrspieler Eddy Kouadio (Monza), beides italienische Juniorennationalspieler, soll es Rückkaufoptionen geben, mit denen die Fiorentina die Kaufoptionen der Leihspieler kontern kann. Die Jugendarbeit der Fiorentina war in den letzten Jahren hervorragend. Unter Trainer Daniele Galoppi, seit Sommer Cheftrainer des Zweitligisten Modena, gewann man letzte Saison den Titel in der U-20 Primavera-Liga, im Jahr davor wurde man Zweiter. Natürlich kann man nicht für jedes Talent Platz im Kader schaffen, aber dass so ziemlich alle Eigengewächse trotz Talent und Leistungsnachweis in einer Phase des Neuaufbaus abgegeben wurden, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass ihre Ablösesummen anders als bei eingekauften Spielern mit Restbuchwert, vollständig in den bilanziellen Gewinn einfließen.
Bedarf für einen bilanziellen Ausgleich gibt es reichlich. Lucas Beltran, Matias Moreno, Jacopo Fazzini, Moise Kean, Robin Gosens, Roberto Piccoli, Albert Gudmundsson, Simon Sohm und Amir Richardson sind alle in den letzten zwei Jahren (außer Beltran, der 2023 kam) für Ablösesummen von insgesamt über 127 Mio. geholt und jetzt auf Leihbasis abgegeben worden. Auch wenn ein Teil durch Kaufoptionen wieder reinkommen wird, ist völlig unklar wie viel, denn nur bei Piccoli gibt es eine Kaufpflicht bei Klassenerhalt seines Leihvereins Bologna. Bei Rolando Mandragora, mit einer Ablöse von 5 Mio. teuerster Abgang des Sommers, rächte sich der Verkauf an Torino direkt am 3. Spieltag, als er beim 2:1 Sieg seines neuen Teams traf, in dem auch die Fiorentina-Eigengewächse Comuzzo und Fortini in der Startelf standen. Auch die Winterleihen mussten zu ihren Vereinen zurück. Fabbian, bei dem die Kaufpflicht über 13 Mio. griff, wurde direkt an Parma mit Kaufoption weiterverliehen. Jugendspieler ohne Profieinsatz nicht miteinberechnet verließen insgesamt 34 Spieler den Verein auf Leihbasis oder fest. Darunter waren aber auch einige Kaderleichen und zuvor bereits verliehene Spieler.
Neue Transfers und neuer Streit
Seine beiden Königstransfers verpflichtete Paratici bereits im Juli. Arthur Atta (23) kommt aus den berühmten Jugendakademien von Stade Rennes und FC Metz, nach einer starken Saison bei Udinese Calcio kaufte die Fiorentina ihn von dort für 25 Mio. Der zwanzigjährige Christ Inao Oulaï war hingegen einer der Senkrechtstarter der türkischen Liga im letzten Jahr und sorgte bei der WM mit der Elfenbeinküste für Aufsehen. Er kostete 26 Mio. Beide sind dynamische, offensiv ausgerichtete Achter, wobei Atta mehr über seine starke Athletik kommt, Oulaï hingegen über unorthodoxe, agile Körpertäuschungen und Dribblings, wobei er vielleicht etwas an unseren Bara erinnert. Sie dürften sich mit Cher Ndour um die zwei offensiveren Positionen im Zentralen Mittelfeld streiten, während die defensivere von Fagioli besetzt wird, der zwar kein starker Zweikämpfer ist, aber das Spiel aus der Tiefe gut lenken kann.
In der Abwehr holte Paratici zunächst mit dem 21-jährigen Viery (für 15 Mio. von Grêmio Porto Alegre) und dem 19-jährigen Víctor Valdepeñas (für 8 Mio. von Real Madrid Castilla) zwei junge Spieler, die sowohl innen als auch links in der Abwehrkette spielen können, wo Fabiano Parisi weiter ausfällt. Ebenfalls in der Akademie von Real Madrid wurde Rechtsverteidiger Alex Jimenez (21) ausgebildet, der nach einer Saison bei AC Mailand in Bournemouth landete. Nach einer Saison als Stammspieler in der Premier League wäre er unter normalen Umständen nicht zu bekommen gewesen, allerdings wurde er vom englischen Fußballverband und seinem Verein suspendiert, weil er einer 15-jährigen auf Social Media „unangemessene Nachrichten“ geschickt haben soll. Seine Leihe soll ab 30 Einsätzen mit einer Kaufpflicht über 20 Mio. verbunden sein. Sowohl rechts als auch links hinten kann João Mário (26) spielen, der auf Leihbasis mit Kaufoption von Juventus kommt, das ihn erst vor einem Jahr für 12 Mio. aus Porto geholt und im Winter nach Bologna verliehen hatte. Als Überraschungscoup wurde die Verpflichtung von Radu Drăgușin (24) angesehen, den Paratici schon von Juventus und Tottenham kennt und bereits im Winter holen wollte. Wenn die verpflichtende Kaufoption am Ende der Saison ausgelöst wird, kostet er inklusive der Leihgebühr 19 Mio. Vor seinem Wechsel zu Tottenham soll auch Bayern stark an dem rumänischen Innenverteidiger interessiert gewesen sein, allerdings stagnierte seine Karriere zuletzt verletzungsbedingt. Die Abwehrverpflichtungen mögen mit Blick auf fehlende Erfahrung oder Spielpraxis riskant erscheinen, doch hat Florenz anders als auf anderen Positionen mit Ranieri, Parisi, Dodo und dem aus Bayern-Jugend und Bundesliga bekannten Pongracic noch die komplette Stammabwehr der letzten Saison in der Hinterhand.
Im Sturm kam Stoßstürmer Mateo Pellegrini (24) für 22,5 Mio. von Parma, das ihn anderthalb Jahre zuvor von Velez Sarsfield verpflichtet hatte. Als Kind spielte er auch in der Jugend von Valencia und Inter, wo sein Vater Mauricio Pellegrini Co-Trainer war. Mit Franco Mastantuono (19) konnte die Fiorentina einen weiteren jungen Argentinier auf Leihbasis ohne Kaufoption von Real Madrid verpflichten, das vor einem Jahr noch 45 Mio. für ihn an River Plate gezahlt hat. Die weiteren Neuzugänge in der Offensive ließen jedoch zunächst auf sich warten, während die Saison mit einer herben 0:4 Schlappe gegen die Roma begann. Fiorentina hatte zu dem Zeitpunkt bereits über 120 Mio. ausgegeben, die Verkäufe hingegen stockten. Um Moise Kean entspann sich ein Transfertheater über seinen Wechsel zu Como, der zwischenzeitlich zu seiner Abwesenheit vom Training und einer Suspendierung durch die Vereinsführung führte. Grosso erklärte auf einer Spieltagspressekonferenz, er hätte Kean gerne eingesetzt, was wiederum Paratici als illoyales Störfeuer empfand. Generell forderte Grosso mehr Erfahrung im Kader, während Paratici von seinen jungen Einkäufen begeistert war. Über den Transfer des 33-jährigen Marcelo Brozovic gab es ebenfalls geteilte Meinungen, am Ende soll der Deal ohnehin an finanziellen Fragen gescheitert sein.
Am Deadline Day kam dann nochmal richtig Fluktuation auf, in der Offensive verließen Nzola, Kean und Gudmundsson den Verein, während Mittelstürmer Beto (28) für 18 Mio. von Everton kam, wo er letztes Jahr noch Stammspieler war. Der flexible Offensivspieler Pedro Goncalves (28) erzielte in der letzten Ligasaison 13 Tore und 8 Vorlagen für Sporting Lissabon, fiel aber dem dortigen Umbruch zum Opfer. Für Fiorentina auf Leihbasis mit Kaufoption ein echter Coup. Mit Alieu Njie (21) von Torino und dem Ex-Interista Wilfried Gnonto (22) von Leeds kamen noch zwei antrittstarke Flügelspieler ebenfalls auf Leihbasis mit Kaufoption. Zufrieden war Grosso mit den Einkäufen allerdings nicht. Bei Sassuolo setzte Grosso auf Laurienté und Berardi auf den Außen, zwei inverse Flügelstürmer mit starken Qualitäten im Kombinationsspiel und Abschluss. Genau solche Typen wollte er auch bei Fiorentina haben, die von Paratici geholten Spieler hätten die falschen Profile in der Offensive.
Nach der Niederlage gegen Torino letzten Samstag eskalierte die Situation dann vollends. Eigentlich hatte die sportliche Führung beschlossen, Grosso noch drei Spiele bis zur Länderspielpause zu geben. Doch in einem Gespräch mit Paratici soll Grosso die Mannschaft als untrainierbar bezeichnet haben und seinen einstigen Freund gesagt haben, dass er ihn von seinem Job freistellen sollte, wenn ihm etwas an ihm liegen würde. Paratici soll daraufhin keine Basis mehr für eine motivierte Zusammenarbeit gesehen und der sportlichen Führung die Trennung empfohlen haben. Von anderer Seite hört man wiederum, Grosso hätte die Zusammenstellung des Kaders zwar kritisiert, aber weitermachen wollen. Die unterschiedlichen Sichtweisen könnten in Zukunft vor Gericht geklärt werden, da angeblich die sportliche Führung Fiorentinas aus Kostengründen die Vertragsauflösung von Grosso durchsetzen will, da dieser seine Pflichten verletzt hätte. So verständlich jedenfalls Grossos Ärger über die späte Klarheit auf den Offensivpositionen auch ist, bei den Niederlagen unter seiner Führung waren die individuellen Einzelaktionen der Offensivspieler noch das Beste am Spiel. Zum Verhängnis wurde ihm vielmehr das völlige Fehlen von defensiver Stabilität in Abwehr und Mittelfeld, wo Grosso frühzeitig viele, darunter auch erfahrene, Optionen hatte, aber in jedem Spiel die Formation wechselte und in keiner Konstellation eine stabile Lösung fand. Am Ende stellt sich vor allem die Frage, worüber Grosso und Paratici eigentlich gesprochen haben, als sie wenige Monate zuvor ihre Wunsch-Zusammenarbeit beschlossen hatten und wie sehr man aneinander vorbeikommunizieren kann.
Ausblick in die Zukunft
Weniger als 24 Stunden nach der Trennung von Grosso präsentierte die Fiorentina ihren neuen alten Trainer, Paolo Vanoli, also genau den Mann, dem Paratici den Neuaufbau explizit nicht zugetraut hatte. Für kurze Zeit kursierte auch der Name von Thiago Motta, der Bologna als Trainer in die Champions League geführt hat, bei Juventus aber scheiterte und arbeitslos ist. Vom Profil her scheint er genau der Trainer zu sein, den Paratici ursprünglich hätte holen wollen. Manche Quellen spekulierten, dass seine Gehaltsforderung von 3,5 Mio. der Fiorentina zu hoch gewesen wäre, was angesichts der Transferausgaben eigentlich grotesk anmutet. Andere, dass er nicht ohne Vorbereitung und Transferfenster ein neues Projekt übernehmen wollte. Die Fiorentina wiederum ließ verlauten, sie habe von Anfang an nur Vanoli kontaktiert, was angesichts der kurzen Zeit zwischen spontaner Trainerentlassung und Neubesetzung auch plausibel erscheint. Doch welchen Kredit hat ein Trainer, der erst im Sommer gewogen und für zu leicht befunden wurde? Ist es Paratici, der seine Entscheidung vom Sommer bereut und korrigiert hat, oder bereuten es seine Vorgesetzten, in dieser Frage auf ihren Sportdirektor gehört zu haben? Ist dies nach gut einem halben Jahr schon der Beginn vom Ende seiner Zeit in Florenz? Der Druck jedenfalls wäre nach einem möglichen weiteren Fehlschlag auf der Trainerposition enorm gewesen. Mit dem bei den Tifosi beliebten Vanoli könnte er sich erstmal aus der Schusslinie nehmen und darauf hoffen, dass dieser die Fiorentina erneut stabilisiert und die Jubiläumssaison im hundertsten Jahr der Geschichte Fiorentinas zumindest in einem Übergangsjahr in bessere Zeiten endet. Wenn nicht, könnte auch die Geduld von Giuseppe Commisso geprüft werden, dessen Vater zwischendurch schon einmal mit einem Verkauf seiner Anteile kokettiert hat.
Am Freitagabend gelang mit Vanoli an der Seitenlinie schon einmal der erste Saisonsieg mit einem 4:2 beim weiterhin punktlosen Aufsteiger Venezia. Doch sowohl die Qualität der gegnerischen Abwehrformation als auch die erneut auffälligen Schwächen der eigenen Defensive lassen noch nicht allzu viele Rückschlüsse zu. Mit dem Dreifachtorschützen Mastantuono hat man aber ein Toptalent in den eigenen Reihen, das zum Träumen einlädt. Die Fiorentina bleibt ihrer eigenen Geschichte treu, die immer schon einer wilden Achterbahnfahrt glich. Man weiß nur nicht, ob es gerade hoch oder runter geht.