Analysen Transfers und Kader (Bundesliga+International)

Super, super Artikel.
Noch nirgends habe ich so viele Fakten, ausführlichen Hintergrund und einleuchtende Erklärungen zu der Geschichte eines der zeitweise führenden Fußballvereine in Deutschland gelesen. Und für mich auch sehr spannend zu lesen.
An die legendären öffentlichen „Duelle“ von Lemke mit Hoeneß kann ich mich noch gut erinnern.

Vielen Dank dafür, wirklich erstklassige Arbeit.

Wenn die Frage nicht zu indiskret ist, würde mich noch interessieren, wie du an diese unlaubliche Fülle von Informationen gelangt bist. Jetzt erst recherchiert oder schon über die Jahre zusammengetragen und aus welchen Quellen?

4 „Gefällt mir“

An vieles kann ich mich tatsächlich noch erinnern, weil die späten 90er und frühen 2000er die Zeit waren, in der ich mich am extremsten für Fußball interessiert habe. Dadurch fällt es dann auch leichter, schnell eine Struktur für die Fakten zu finden.
Ein wirklich lesenswerter Einstieg war für mich ein Artikel aus dem Spiegel eines Werder-Fans:

Von dort aus habe ich dann einfach ein bisschen weiterrecherchiert zu Phasen, Personen (Willi Lemke) und einzelnen Geschichten und Skandalen wie der Born-Geschichte. Da hab ich dann jeweils einzelne Artikel aus überregionalen und lokalen Medien gefunden, auch mal was auf Fanblogs wie deichstube.
Infos für Fakten, Tabellenplatzierungen, Transfers und Spielerstatisitiken finde ich meistens (auch hier) auf transfermarkt.de. Im dortigen Vereinsforum von Bremen habe ich mich auch ein bisschen im Finanzthread eingelesen. Für einen groben Überblick über die Saisonverläufe und Biographien hab ich auch Wikipedia genutzt, auch wenn da die fußballspezifischen Sachen nicht sehr gut sind.

6 „Gefällt mir“

Danke für die aufschlussreichen Zusatz-Infos.

Bei Dingen, die mir gut gefallen - wie dein Post zur Werder Geschichte - interessiert mich auch immer das „handwerkliche“ hinter dem Ergebnis. Also wie entsteht ein „Werk“ ganz praktisch, egal ob es sich um ein Bild, etwas Geschriebenes oder einen Film handelt. Dass ich den Autor so direkt fragen kann und auch gleich Antwort bekomme, ist natürlich absolute Ausnahme.
Daher ein :heart: von mir!

4 „Gefällt mir“

Vielen Dank für die schönen Kommentare und netten Worte! Da ich grad mal wieder im Zug sitze, hatte ich viel Zeit für den HSV, womit ich meine kleine Bundesliga-Serie erstmal abschließe. In nächster Zeit werd ich mir den ein oder anderen internationalen Verein anschauen, aber ich weiß noch nicht, wann ich dazu komme. Vielleicht früher als gedacht im Zug, ein paar Ideen hab ich eh schon.

Hamburger SV

Beim Vergleich der beiden Nordrivalen fallen einem direkt die stattlichen Ablösesummen in diesem Sommer auf, die sich der HSV leisten konnte. El Ouahdi und Vieira waren jeweils die teuersten Hamburger Transfers seit 10 Jahren. Dabei hatte der Bundesligadino nach seinem historischen Abstieg für viel Schadenfreude gesorgt und eine Ehrenrunde nach der anderen drehen müssen, ehe der Aufstieg gelang. Doch paradoxerweise scheint dies dazu beigetragen haben, dass der HSV über die Jahre seine Gehaltskosten und Ausgaben reduzieren und vor allem die jahrelange Abhängigkeit vom kürzlich verstorbenen Investor Klaus-Michael Kühne überwinden konnte. Immer wieder rettete der die Hamburger bei Lizenzproblemen und Finanzierungskrisen, forderte dafür aber auch Einfluss auf die Vereinsgeschicke. Im Laufe der Jahre soll er 100 Millionen in den Verein gesteckt haben, dafür auch 13,5% am Verein halten. Die Anteile werden in Zukunft von der Kühne Stiftung verwaltet, die Namensrechte am Volksparkstadion und den Sitz im Aufsichtsrat hält dagegen die Kühne Holding.

Nach den umstrittenen Amtszeiten von Bernd Hoffmann und Jonas Boldt rückte der seit 2014 im Bereich Finanzen arbeitende Eric Huwer in den Vorstand auf. Dort scheint er einen vorsichtigen Wachstumsprozess zu verfolgen, der allerdings unbedingt auf Abhängigkeiten im Zug von Fremdfinanzierungen im Stil Kühnes verzichten will. Durch die niedrigen Personalkosten, das vereinseigene abbezahlte Volksparkstadion, einen überschaubaren Schuldenstand und vorhandenes Eigenkapital, kann der HSV auch wieder investieren. Den sportlichen Bereich im Vorstand verantwortet die uns bestens bekannte Kathleen Krüger, die diesen Posten von Stefan Kuntz übernahm. Unter ihr arbeitet als Direktor Profifußball Claus Costa, der für die Transfers und Vertragsverhandlungen zuständig ist. Als seine rechte Hand gilt Sebastian Dirscherl, seit 2018 im Verein und seit 2023 Chefscout und für die Vorauswahl der Transferkandidaten zuständig. Kürzlich gab er in einem Artikel einige Einblicke in seine Arbeit, identifizierte etwa Frankreich als klaren Kernmarkt, aus dem man seit 2022 jedes Jahr mindestens einen Spieler holte, in diesem Sommer sogar vier. Dort erklärte er auch, dass ein auf den ersten Blick etwas überraschender Transfer wie der vom norwegischen WM-Stammspieler David Moller Wolfe darauf basierte, dass man ihn schon seit vielen Jahren beobachtet, er aber 2023 bei seinem Wechsel zu Wolverhampton nicht finanzierbar war. Jedenfalls scheinen beim HSV nach vielen Jahren der Misswirtschaft kompetente Personen in klaren Strukturen zu arbeiten und auf eine gesunde finanzielle Situation aufzubauen. Auch Kathleen Krüger betonte kürzlich, dass die Transfers dieses Sommers auf der finanziellen Arbeit Huwers beruhten.

Die Gegenseite von Sparplan und langjähriger Zweitklassigkeit war eine im Bundesligavergleich schwache Kaderqualität auf die der HSV letzets Jahr mit 8 festen Transfers und ebenso vielen Leihspielern reagierte. Mit den von Stade Rennes ausgeliehenen Albert Gronbaek und Walid Ormari war man so zufrieden, dass man sie für zusammen 6,7 Mio. verpflichtete. Überraschenderweise gelang dies auch bei Unterschiedsspieler Fabio Vieira, den man am Ende des Transferfensters doch noch für 9 Mio. von Arsenal FC loseisen konnte. Das ist die Hälfte seines geschätzten Marktwerts und ein Viertel der Summe, die Arsenal 2022 an Porto für das einstige Top-Talent zahlte. Ähnlich, wenn auch mit 0,3 Mio. deutlich günstiger, war im Vorjahr der Transfer von Albert Sambi Lokonga. Als Vincent Kompany noch Trainer von RSC Anderlecht war, nannte er in einem Podcast Lokonga als denjenigen, der in seiner talentierten Mannschaft herausragen und eine Top-Karriere hinlegen könnte. Nach seinem Wechsel zu Arsenal 2021 für 17,5 Mio. schaffte er verletzungsbedingt nie den Durchbruch – bis er zum HSV kam. Solche Transfers sind eigentlich genau diejenigen, die bei Werder Bremen komplett schiefgehen. Dass dies bei Hamburg anders ist, mag Glück sein, vielleicht aber auch mit der Arbeit der medizinischen Abteilung und des Trainerteams, der Stabilität im Verein und dem Charakter der Mannschaft zusammenliegen.

Nicht halten konnte man erwartungsgemäß Luka Vuskovic, der trotz seines jungen Alters schnell zum Abwehrchef und Publikumsliebling reifte. Letzteres sicherlich auch aufgrund der besonderen Situation seines älteren Bruders Marko, der eine (aus Sicht der HSV Fans zweifelhafte) jahrelange Dopingsperre absitzen musste, die im November endet. Wie schnell er es allerdings zurück ins Team schafft, wird sich zeigen müssen. Von den übrigen Abgängen dürfte am ehesten der von Ransford Königsdörffer ins Gewicht fallen, der ablösefrei zu Mainz ging. Zu Geld gemacht wurde das Potential von Fabio Baldé, der verletzungsbedingt keine große Rolle spielen konnte und für 7 Mio. zu Chelseas Farmteam Straßburg ging. Auch Glatzel und der letztes Jahr ausgeliehene Poreba erwirtschafteten geringe Ablösen. Auch wenn wenige Abgänge wirklich schmerzen, ist der Aderlass in der Offensive auffällig. Neben den erwähnten Königsdorffer, Balde und Glatzel betrifft dies auch Otele, Downs, Phillipe und Dompé, sodass in der gesamten Offensive aus dem Vorjahreskader nur noch Fabio Vieira, der kaum eingesetzte Poulsen und die beiden jungen Talente Otto Stange und Alexander Røssing-Lelesiit blieben, wobei letzterer aktuell verletzt ist.

Wenig überraschend fokussierten sich die Transferbemühungen zunächst auf die Offensive. Mit Patson Daka und Terem Moffi holte man günstig zwei Stürmer mit unterschiedlichen Stärken und taktischen Profilen. Gemeinsam haben beide, dass sie einst als hochveranlagt galten. Daka wurde 2017 zum afrikanischen Jugendspielern des Jahres gewählt und wechselte vor fünf Jahren für 30 Mio. von RB Salzburg zu Leicester City, wo er über die Jahre ordentliche Torquoten zeigte, ohne der erwartete Unterschiedsspieler zu werden. Terem Moffi landete nach einem interessanten Karriereweg über Litauen und Belgien in Frankreich bei Lorient, von wo ihn 2023 Nizza für 22,5 Mio. kaufte. Hier erlebte Moffi seinen Karriere-Tiefpunkt, als Nizza-Ultras ihn und andere Spieler nach einer Niederlage gegen Lorient tätlich angriffen. Moffi geriet in den Fokus, weil er nach der Pleite gegen seinen Ex-Klub lachend im Gespräch mit dessen Präsidenten gesehen wurde.

Für die beiden Positionen im Offensiven Mittelfeld sind die fest verpflichteten Vieira und Gronbaek vorgesehen, dahinter wurde mit Martin Adeline für 4 Mio. ein 22-jähriges Talent von ESTAC Troyes (City Football Group) gekauft, das mit 10 Toren und 11 Vorlagen ein Schlüsselspieler beim Aufstieg in die 1. französische Liga war. Im Zentralen Mittelfeld sind die im Vorjahr verpflichteten und voll eingeschlagenen Sambi Lokonga und Remberg gesetzt, dahinter wurden mit Bilal Nadir und Kofi Amoako günstig zwei Juniorennationalspieler geholt. Nadir kam ablösefrei von Marseille, wo er letzte Saison als Einwechselspieler sein Talent andeutete, Amoako war Stammspieler in der 2. Liga bei Dresden und kostete 1,8 Mio.

Als Schwachstelle galten letztes Jahr die Außenpositionen in der Fünferkette. Hier legte der HSV am Deadline Day eindrucksvoll nach und verpflichtete Linksverteidiger David Moller Wolfe von Wolverhampton auf Leihbasis mit Kaufoption sowie Zakaria El Ouahdi für 8 Mio. aus Genk, beide übrigens WM-Teilnehmer mit Norwegen und Marokko. Beides keine Panikkäufe auf den letzten Drücker, sondern lang gescoutete Wunschspieler, bei denen auf den richtigen Moment gewartet wurde. Da neben den letztjährigen Stammspielern Muheim und Jatta auch Top-Talent Louis Lemke noch da ist, ist man hier stark besetzt. In der Innenverteidigung kann der auf Leihbasis mit günstiger Kaufoption verpflichtete Bornauw Luka Vuskovic sicherlich nicht vom Glamourfaktor her ersetzen, aber vermutlich schon in punkto Verlässlichkeit und Führungsstärke.
Ausgaben: 31,1 Mio., Einnahmen: 10,3 Mio.

Fazit:

Der HSV hat ein wirklich erstklassiges Transferfenster hinter sich und den Kader in Spitze wie Breite gut verstärkt. Fraglich ist lediglich, ob im Sturm einer der Neuzugänge einschlägt. Auf den restlichen Positionen finden sich verlässliche Stammspieler und talentierte Herausforderer mit Marktwertsteigerungspotential. Mit Stange, Nandja und Lemke rücken auch aus dem NLZ große Talente nach. Da man nur noch zwei Leihspieler verpflichtete und bei beiden über Kaufoptionen die Kontrolle hält, sieht auch das längerfristige Potential sehr gut aus, unterstützt durch klare Strukturen und gute finanzielle Bedingungen. Der HSV wird im sicheren Mittelfeld landen und kann in den nächsten Jahren weitere Schritte machen, um mittelfristig wieder um Europapokalplätze mitspielen zu können.

13 „Gefällt mir“

Am letzten Samstag bestätigte Liverpool, dass ihr Sportdirektor Richard Hughes nach zwei Jahren den Verein in Richtung Saudi Arabien verlässt. Für mich ein guter Anlass, erstens die Rolle des Sportdirektors und die Vereinsführungsstrukturen bei Liverpool zu reflektieren, zweitens die Transferstrategie der letzten zwei Jahre und Hughes Vermächtnis mit Blick auf den aktuellen Kader zu bewerten.

Die Strukturen des Liverpool FC und der Fenway Sports Group

Das traditionelle englische Vereinsmodell sah einen starken Manager vor, bei dem Training, Taktik, mediale Außendarstellung, Nachwuchsmanagment, Vertragsverlängerungen und Transfers (auch von Mitarbeitern) zusammenlaufen und der nur dem Vereinsbesitzer untersteht. Ralph Hasenhüttl hat kürzlich über Vor- und Nachteile berichtet, die Überlastung (bisweilen auch Überforderung?) mit Fragen von Infrastruktur oder Spielbetrieb konfrontiert zu werden, die bspw. in Deutschland nicht zu den Aufgaben des Trainers gehören, aber auch die Möglichkeit eben dadurch alles sehr stark beeinflussen und der eigenen Spielidee anpassen zu können, bis hinunter in die Academy-Strukturen mit einem von ihm entwickelten Playbook, auf allen Ebenen des Vereins, vom Trainingsgelände bis zur Transferpolitik. Er hob auch hervor, dass er die Hoheit über die Kommunikation hatte und es nicht zu Situationen wie in Deutschland kam, wo Trainer und Sportdirektor unabgesprochen nach einem Spiel unterschiedliche Dinge sagen und gegeneinander ausgespielt werden. Tatsächlich wurde auch Hasenhüttl bei Aufgaben im Bereich der Entwicklung von Jugend- und Scoutingabteilung sowie Infrastruktur durch einen Director of Football Operations unterstützt, unterstand jedoch nicht hierarchisch einem richtigen Sportdirektor.

Über die Jahre wurde die Position des Sportdirektors jedenfalls von der Ausnahme zur Regel, befördert insbesondere durch die Übernahmen englischer Vereine durch ausländische Investoren (teils mit expliziter Renditeerwartung) und die höhere Quote an internationalen Managern, die oft aus ihren Heimatländern die Arbeit mit einem Sportdirektor gewohnt waren. Im Detail unterscheidet sich die Rolle der Sportdirektoren von Verein zu Verein deutlich, sowohl was die Hierarchie zwischen ihnen und den Managern angeht, als auch die praktische Aufgabenteilung und die Präsenz im sportlichen Alltag oder der medialen Repräsentation des Klubs. Teilweise hängt das davon ab, wie die Strukturen von der Vereinsführung organisiert sind, teilweise auch einfach vom Standing des Managers. Richard Hughes wurde zuletzt für seine spärliche Kommunikation und seine seltene Präsenz am Trainingsgelände bisweilen kritisiert, aber letztlich ist das eine Frage, wie Erwartungen und Kompetenzen gestaltet sind.

Bei Liverpool weigerte sich noch Brendan Rodgers (2012-2015) explizit mit einem Sportdirektor zusammenzuarbeiten. Michael Edwards, zunächst als Head of Performance and Analysis ein Zuarbeiter von Rodgers, wurde deshalb erst eine Rolle in einem Transfer Comitee und dann die Position des Technischen Direktors zugeteilt. Nach Rodgers Entlassung verantwortete er erst die Verpflichtung von Jürgen Klopp als neuem Manager auf der Grundlage eines klar definierten Profils und umfangreichen Analysedaten, und wurde dann zum Sportdirektor befördert, der die äußerst erfolgreiche Transferpolitik Liverpools in diesen Jahren prägte, die weniger auf einem Diamantenauge als auf dem Aufbau klarer Strukturen in Analyse und Scouting basierte. Im Oktober 2022 trat Edwards zurück, erklärte nach elf Jahren im Verein eine Pause zu brauchen und danach nach einer neuen Herausforderung zu suchen. Sicherlich mag dabei auch Klopps absolut dominante Position im Verein eine Rolle gespielt haben, die danach auch die hohe Fluktuation auf der Position des Sportdirektors erklärt. Höhepunkt war dabei Jörg Schmadtke, der auf Klopps Wunsch kam und sich als simpler Zuarbeiter Klopps verstand, was für ein modernes Verständnis eines Sporting Directors in England ungewöhnlich ist.

Der im Januar 2024 angekündigte Abschied Jürgen Klopps zum Saisonende bot den US-amerikanischen Besitzern der Fenway Sports Group die Möglichkeit ihre Strukturen grundsätzlich neu auszurichten. Sie holten im März 2024 Edwards zurück, allerdings nicht als Vereinsangestellten, sondern als CEO Football ihrer Sports Group. Seine Hauptaufgabe war es um Liverpool herum eine Multi-Club-Ownership-Struktur mit weiteren Farmteams aufzubauen und dabei von Anfang an klare und kohärente Strukturen, Kultur und Identität in den Bereichen Transfers, Taktik, Trainerauswahl und Nachwuchs zu etablieren. Dafür holte er mit dem langjährigen Vereinsangestellten Julian Ward und Pedro Marques, zuvor bei Sporting, Benfica und Manchester City in den Bereichen Scouting, Analyse und Jugendarbeit tätig, zwei hochqualifizierte Mitarbeiter als Technical Director und Director of Football Development in seine Struktur der Fenway Sports Group. Für Edwards war MCO die Zukunft und unerlässlich, wollte man sich in der Fußball-Elite behaupten und sportlich wie finanziell wachsen. Den sportlichen Bereich des Liverpool FC sollte als Sportdirektor hingegen Richard Hughes übernehmen, den Edwards seit 20 Jahren aus gemeinsamen Zeiten beim FC Portsmouth kannte. Zu dessen rechter Hand als Assistant Sporting Manager wurde David Woodfine, seit 2014 in der Scouting-Abteilung des Klubs und zuletzt für die Leihspieler zuständig.

Hughes arbeitete zuvor von 2014 bis 2024 in Bournemouth als Technical Director, wo er direkt dem CEO unterstand und die Transferpolitik verantwortete. Während durchaus nicht jeder Transfer saß, sorgte er mit den großen Transfergewinnen bei den Verpflichtungen von Ouattara, Zabarnyi, Kerkez und vor allem Semenyo für großes Aufsehen und bewies auch bei der Verpflichtung von Andoni Iraola ein glückliches Händchen, der Bournemouth in die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte führte. Bei Liverpool legte sich Hughes früh auf Arne Slot als Manager fest. Schon bei Bournemouth soll sich Hughes intensiv mit Feyenoord beschäftigt haben. Im Laufe der Zeit soll er seine Scouting-Abteilung angewiesen haben, keine Feyenoord-Spieler mehr zu scouten, weil ihm klar geworden sei, dass diese ihre guten Leistungen nicht ihrer eigenen Qualität verdanken würden, sondern der ihres Trainers Slot und dessen klarem taktischen System. Slot führte Liverpool zunächst zur Meisterschaft, wurde jedoch nach einer schwachen zweiten Saison von Hughes entlassen und mit Iraola ersetzt. Doch bereits seit Anfang des Jahres 2026 liebäugelte Hughes mit einem Wechsel nach Saudi Arabien, der bis zu seinem Vollzug vor wenigen Tagen als „am schlechtesten gehütetes Geheimnis der Premier League“ galt, wobei Hughes auf Wunsch der Fenway Sports Group noch die Installation von Iraola und den Transfersommer 2026 verantworten sollte.

Parallel zu Hughes Abwanderungsgedanken entschied sich im Sommer 2026 auch Michael Edwards hinzuschmeißen. Während seines ambitionierten und gründlich geplanten Aufbaus der MCO-Strukturen prüfte er 25 potentielle Farmteams in ganz Europa, vor allem in Portugal, Spanien und Frankreich. Konkrete Gespräche soll es insbesondere über Getafe, Bordeaux und Malaga gegeben haben, wobei Edwards neben einer kompletten Vereinsübernahme auch weitere Modelle wie strategische Kooperationen und Minderheitsbeteiligungen als Alternativen vorgeschlagen haben soll. Im März 2026 entschied sich die Fenway Sports Group die MCO-Strategie komplett zu verwerfen und alle diesbezüglichen Bemühungen einzustellen. Grund dafür waren einerseits finanzielle Erwägungen bezüglich des Verhältnisses von nötigen Investitionen und späteren Erträgen, andererseits die Regulierungen der UEFA zu MCO-Strukturen in europäischen Wettbewerben, die auch in England anhand der Fälle von Crystal Palace und Nottingham Forrest intensiv diskutiert worden sind. Die Möglichkeit auf seiner Position weiterzuarbeiten, dafür aber die strategische Ambition aufzugeben, die er bei Amtsantritt formuliert hatte, verwarf Edwards.

Stärker involviert ist jetzt wieder einer der Köpfe der Fenway Sports Group, Mike Gordon, den schon Klopp als den in Bezug auf Fußball interessiertesten und kompetentesten aus der Eigentümergruppe beschrieben hatte. Er wird nach einer neuen Führungsstruktur suchen und kann dafür neben möglichen externen Kandidaten (genannt wurden Markus Krösche und PSG-Stratege Luis Campos) auch auf Leute aus den eigenen Strukturen setzen. Die Aufgabenbereiche von Julian Ward und Pedro Marques könnten nach dem Abschied von Edwards neu aufgeteilt werden, da die MCO-Orientierung wegfällt. Auch Hughes Assistent David Woodfine könnte eine Option für eine Beförderung sein.

Hughes Transferbilanz zwischen 2024 und 2026

Während die Verpflichtung von Meistertrainer Slot wie geschildert auf Hughes zurückgeht, hatte er zur Zusammenstellung des Meisterkaders nichts beigetragen. Torwart Giorgi Mamardashvili wurde als Zukunftsprojekt für 30 Mio. von Valencia verpflichtet, wo er die Saison auf Leihbasis weiterspielte. Seine zweite Verpflichtung, Federico Chiesa, kam für 12 Mio. von Juventus, spielte aber verletzungsbedingt nur 104 Minuten in der Premier League. Lange Zeit bemühte er sich um einen Transfer von Real Sociedads Martin Zubimendi, nachdem sich Arne Slot sehr deutlich einen defensivstarken Spielmacher gewünscht hatte. Liverpool war bereit, Zubimendis Ausstiegsklausel in Höhe von 60 Mio. zu bedienen, auch die Vertragsbedingungen waren ausgehandelt, ehe Zubimendi sich überreden ließ, bei seinem Jugendverein zu bleiben und Liverpools Angebot abzulehnen. Danach verzichtete Hughes auf Ersatzlösungen und forderte Slot auf, mit dem vorhandenen Personal zu arbeiten, was erstaunlich gut funktionieren sollte. Die von Hughes Vorgänger 2023 für 152 Mio. geholten McAllister, Gravenberch und Szoboszlai harmonierten in dieser Konstellation perfekt in Liverpools Mittelfeld.

Zur Hughes Aufgabe sollte es werden, die Abgänge aus der Liverpooler Meisterelf zu ersetzen und eine neue Ära aufzubauen. So schmerzlich manche Trennungen von verdienten Spielern auch gewesen sein mögen, waren einige von ihnen unvermeidlich. Legenden wie Salah und Robertson waren an den Zenit ihrer Karriere gekommen, Alexander-Arnold schien entschlossen, eine neue Herausforderung bei Real Madrid zu suchen, Konaté verlangte eine Gehaltserhöhung, die Liverpool ihm angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit nicht zahlen wollte. Für den Unfalltod von Diogo Jota, der menschlich wie sportlich vermisst wurde und tiefe Spuren im Verein hinterließ, konnte Hughes ohnehin nichts. Vorgeworfen wurde ihm vor allem der Verkauf von Luis Diaz für 70 Mio. zu Bayern München, der für uns ein Glücksfall wurde.

Unmittelbaren Bedarf für die Stammelf hatte Liverpool also auf beiden offensiven und defensiven Außenbahnen sowie im Sturm, wo der einst als Rekordtransfer verpflichtete Darwin Nunez die Erwartungen komplett enttäuschte, weshalb er für 53 Mio. nach Saudi Arabien verkauft wurde. Hughes kaufte 2025 Linksverteidiger Milos Kerkez für 47 Mio. von Bournemouth, den er zwei Jahre zuvor genau dorthin geholt hatte. Rechts kam Frimpong für 40 Mio. von Leverkusen. Beide beeindrucken vor allem durch ihr Tempo und ihre Vertikalität, aber insbesondere Frimpong ist für ein System mit Viererkette eigentlich zu offensiv. Im Vergleich war Robertson deutlich defensivstärker, während Alexander-Arnold zwar ebenfalls dort seine Schwächen hatte, aber dafür im Spielaufbau stabilisierte und durch intelligente lange Pässe und Flanken Drucksituationen in gefährliche Umschaltmomente verwandeln konnte. Die Veränderungen auf den Außenverteidigerpositionen hätten möglicherweise durch einen neuen defensiver orientierten Spieler im Mittelfeld ausgeglichen werden können, der das Spiel stärker strukturieren und das Tempo ausbalancieren könnte. Doch stattdessen wurde mit Florian Wirtz für 120 Mio. ein Zehner geholt, für den Liverpools Meistermittelfeld auseinandergerissen wurde. Szoboszlai half fortan oft rechts hinten oder vorne aus. Im Sturm konnte man sich im Sommer 2025 zunächst nicht mit Newcastle auf eine Ablöse für Alexander Isak einigen, verpflichtete Hugo Ekitiké für 95 Mio. von Eintracht Frankfurt, ehe man kurz vor Transferschluss doch noch 145 Mio. für Isak bezahlte, der sich dann allerdings schwer verletzte. Letztendlich hat man sich nur auf genau einer Position im Sturmzentrum wirklich verstärkt, dafür aber auch 240 Mio. bezahlt. Weitere 240 Mio. flossen an Spieler, bei denen völlig unklar ist, ob sie wirklich ins System passen und eine langfristige Zukunft in Liverpool haben.

Mit Blick auf die Zukunft des Vereins ließen sich auch die Abgänge von Spielern kritisieren, die aus dem eigenen Nachwuchs in den Profikader gerückt waren. Jarell Quansah, Curtis Jones und Tyler Morton waren allerdings selbst wechselwillig auf der Suche nach mehr Spielzeit und ihre Verkäufe brachten immerhin 75 Mio. zuzüglich möglicher zukünftiger Boni und Weiterverkaufsbeteiligungen. Die langfristige Perspektive stärkte Hughes dafür durch die Transfers von externen Talenten. Abwehrspieler Giovanni Leoni von Parma kostete 2025 30 Mio., verletzte sich aber kurz nach seiner Verpflichtung schwer und fällt bis heute aus. Nach Mamardashvili kam auch diesen Sommer ein neues teures Torwarttalent. Liverpool bezahlte für Lucca Brughmans 33 Mio. an Genk, er bleibt wie seinerzeit Mamardashvili auf Leihbasis bei seinem alten Verein.

Die sich bis zum Schluss des Transferfensters hinziehende Verpflichtung von Bradley Barcola für 120 Mio. von PSG wurde allgemein als Coup gefeiert. Doch das Sommertransferfenster von Liverpool ist alles Andere als optimal gelaufen. Das gilt gar nicht unbedingt in Hinblick auf die Qualität der einzelnen verpflichteten Spieler. Innenverteidiger Jérémy Jaquet kam für 63 Mio. von Stade Rennes als Ersatz für Konaté, mit Victor Munoz dazu für 40 Mio. ein Außenstürmer von Osasuna. Beide drängten sofort in Richung Startelf und zeigten bereits ihr großes Talent. Wer weiß, vielleicht wird auch Brughmans eines Tages der Alisson-Ersatz in Liverpools Tor und diese Transferperiode im Rückblick als Volltreffer bewertet. Doch kurzfristig lässt sich wie auch 2025 hinterfragen, ob die lange bekannten Problemstellen im Kader angegangen wurden und ob die beträchtlichen Mittel, insgesamt 750 Mio. in zwei Jahren, nicht sinnvoller hätten eingesetzt werden können.

Auf den Außenverteidigerpositionen fehlt es an Qualität und Tiefe, in Verbindung mit dem Mittelfeld an Balance, Struktur und Konterabsicherung. Das schon 2024 identifizierte Profil eines Mittelfeldspielers, der genau das geben könnte, wurde bis heute nicht besetzt. Es ist zumindest fragwürdig, ob Iraola in Gravenberch einen solchen Spieler sieht, der ihm die defensive Stabilität verschafft, die ein Tyler Adams auf das Spiel von Bournemouth ausstrahlte. Nachdem der lange als Verkaufskandidat geltende Gakpo blieb, hat Liverpool mit ihm, Barcola, Munoz und Toptalent Ngumoha vier Außenstürmer, die links am stärksten sind, aber trotz unterschiedlichster Bemühungen keinen Salah-Nachfolger, der bevorzugt über rechts kommt. Auch hier bleibt abzuwarten, ob sich einer der Linksaußen auf der anderen Seite erfolgreich festspielt.

Was am meisten für Liverpool spricht, ist vielleicht ihr Trainer. Andoni Iraola wurde in seiner Zeit als Kapitän von Athletic Bilbao durch Marcelo Bielsa geprägt. Bei Bournemouth führte er den Klub durch ein extrem vertikales, risikoreiches Offensivspiel mit hoher Abwehrkette und starkem Gegenpressing zum Erfolg, was hervorragend zu Liverpool passt. Davor trainierte er Rayo Vallecano, er ist es gewohnt zu improvisieren und nicht jeden Transferwunsch erfüllt zu bekommen. Zudem kennt er Milos Kerkez aus Bournemouth und weiß, wie er seine Schwächen ausgleichen und seine Stärken nutzen kann. Wenn jemand aus diesem Kader schon in dieser Saison einen riskanten, aber vielleicht auch überraschend erfolgreichen Fußball herausholen kann, dann er.

In jedem Fall dürfte er eine weitere Saison Zeit bekommen. Dann wird es spannend, wie die Fenway Sports Group die Vereinsstrukturen verändert und ob der neue Sportdirektor Iraola einen besser ausbalancierten Kader zusammenstellen kann. Dann könnte tatsächlich eine neue Liverpool-Ära bevorstehen.

Quellen und Leseempfehlungen:
https://www.nytimes.com/athletic/7445560/2026/07/15/liverpool-michael-edwards-exit-inside-read/
https://www.nytimes.com/athletic/5441110/2024/05/20/liverpool-arne-slot-manager-inside-story/
https://www.forbes.at/artikel/der-stille-milliardaer-hinter-liverpool

15 „Gefällt mir“

Großartig, sowohl inhaltlich wie auch vom Umfang her, sehr informativ. Danke!

4 „Gefällt mir“

FK Bodø/Glimt

Nach gleich mehreren internationalen Überraschungserfolgen gegen Top-Teams ist der Klub aus Norwegen sicher kein Unbekannter mehr. Aber ein Blick auf seine jüngere Geschichte und Vereinsstruktur zeigt vielleicht doch noch etwas überraschend einzigartiges. Dies liegt nicht so sehr in seinem steilen Aufstieg aus einer Krisensituation heraus, das gelingt einigen Klubs. Interessant ist vielmehr, wie er sich seitdem oben hielt und es schaffte Kontinuität und Erneuerung zu vereinbaren. Das gelang nicht zuletzt durch Mitarbeiter, die ihre jahrelange Loyalität im Verein nicht nutzten, um an ihrer Position zu kleben, sondern ohne jede Eitelkeit nach der optimalen Konstellation suchten, um den Verein weiter nach vorne zu bringen.

Der Aufstieg des Vereins und die erste Rochade

Vor genau zehn Jahren war Bodø/Glimt gerade auf dem Weg in die Zweite Liga. In der nach dem Kalenderjahr gespielten norwegischen Liga sollten sie von den nächsten acht Spielen sechs verlieren und absteigen. An ihrem Trainer Aasmund Bjørkan hielten sie trotzdem fest. Bjørkan ist eine Vereinslegende, hatte als Mittelfeldspieler in 243 Spielen für seinen Klub 50 Tore erzielt und vor seinem Amtsantritt schon als Co-Trainer im Verein gearbeitet. Jetzt verstärkte er wiederum sein Trainerteam und holte den unbekannten Kjetil Knutsen aus den Tiefen des norwegischen Amateurfußballs. Der hatte inmitten des überschaubaren fußballerischen Niveaus stur zu jeder Zeit an seinen Überzeugungen einer vertikalen, offensiven Taktik festgehalten, auch auf den Amateurplätzen hatten die Leute es verdient, ein schönes Spiel zu sehen bekommen. Das brachte ihm im Alter von 45 Jahren noch eine Entlassung bei einem Drittligisten ein, doch scheinbar auch den Respekt seiner neuen Vorgesetzten. Bodø/Glimt stieg direkt mit großem Vorsprung wieder auf, doch Aufstiegstrainer Bjørkan überließ seinem talentierten Assistenten seinen Trainerjob und wurde selbst neuer Sportdirektor des Klubs.

Die Personalrochade sollte zum Grundstein des Erfolgs werden. Abgesegnet wurde sie vom neuen Geschäftsführer bzw. Managing Director Frode Thomassen, der nach seiner Fußballkarriere an Universitäten und im Kulturministerium gearbeitet hatte. Er war aber auch schon ehrenamtlich im Verein tätig, als Bodø/Glimt vor der Pleite stand und nur durch die finanzielle Unterstützung der lokalen Bevölkerung überlebte. In dieser Zeit entstanden die Grundprinzipien von vorsichtigem Wirtschaften ohne Verschuldung, Talentförderung und Verbundenheit zu der Region im Norden Norwegens, die Thomassen zu einer Vereinsidentität weiterentwickelte: „Vårres måte“ heißt soviel wie „Unserer Weg“. Thomassen setzte Zielmarken, nicht in Bezug auf Platzierungen und Wettbewerbe, sondern in Bezug auf den Entwicklungsprozess einer Vereinskultur. 40% der Spieler im Kader sollten aus der Region stammen, 10% unter 23 Jahren. Das vertikale, mutige, intensive System Knutsens wurde zur spielerischen Identität des Vereins, die in Jugendarbeit und Scouting implementiert wurde, um die unvermeidlichen Abgänge ersetzen zu können. Thomassen holte aber auch den Mentalcoach Bjørn Mannsverk in den Verein, der sowohl mit einzelnen Spielern arbeitete, als auch Anstöße gab zur Veränderung von Kommunikation und Teambuildung sowie Konzentration und Widerstandsfähigkeit auf dem Platz.

Bjørkan arbeitete an der finanziellen Sanierung des kleinen Klubs aus der norwegischen Provinz und verkaufte jedes Jahr seine besten Spieler, zunächst zu Ligarivalen und kleineren Vereinen aus dem Ausland. Doch die Mannschaft wurde unter Knutsen trotzdem immer besser und gewann 2020 den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Im Anschluss wechselte Eigengewächs Jens Petter Hauge für 4,8 Mio. zur AC Milan. Im nächsten Jahr wiederholte Knutsen das Kunststück, qualifizierte sich zudem für die Gruppenphase der Conference League und sorgte dort für die erste internationale Sensation, als er Mourinhos AS Roma mit 6:1 aus dem Stadion fegte. Patrick Berg, dessen Vater und Großvater schon für den Verein gespielt hatten, wechselte wenig später für 4,5 Mio. zu RC Lens, Erik Botheim für 6 Mio. zu FK Krasnodar. Im Sommer folgte Victor Boniface, bei dessen Transfer zu Union Saint-Gilloise eine Weiterverkaufsbeteiligung vereinbart wurde, wodurch sich die Ablösesumme später von 2 Mio. auf 6 Mio. verdreifachen sollte.

Die zweite Rochade und Erfolge in Europa

2022 folgte die nächste große Rochade und Strategieänderung im Verein. Bjørkan wollte wieder näher am Platz und der täglichen Trainingsarbeit sein, weg vom Schreibtischjob. Er trat dem Trainerteam seines alten Assistenten und neuen Chefs bei, kümmerte sich aber auch um die strategische Weiterentwicklung des taktischen Systems und der Trainingsarbeit. Sein Nachfolger Håvard Sakariassen kam wie er aus dem Verein, hatte aber die Tiefen der Klubgeschichte in niedrigeren Ligen mitgemacht. Nach seinem Karriereende 2011 wurde er nahtlos zu Zeugwart und Teammanager in einer Person, da es schlicht niemand anderen gab, der im klammen Verein für so etwas zuständig war. Ein gutes Jahrzehnt später, war er Chef einer Scoutingabteilung, in der er KI-gestützte Datenanalyseprogramme eines norwegischen Start-Ups verankerte, die mittlerweile von vielen anderen Klubs genutzt werden.

Unter Sakariassen veränderte der Verein im Sommer 2022 seine Transferstrategie, wurde offensiver und traute sich für die richtigen Spieler auch höhere Ablösen zu zahlen. Der heutige Hamburger Albert Grønbæk kam für 4,8 Mio. von Aarhus GF und wurde zwei Jahre später für 15 Mio. an Stade Rennes weiterverkauft. Für 4 Mio. kehrte nach nur acht Monaten bei RC Lens Patrick Berg zurück zu seinem Familienverein, wo er bis heute als einer der Kapitäne im Team spielt. Ein halbes Jahr später kaufte Bodø/Glimt auch sein Eigengewächs Håkon Evjen von AZ Alkmaar zurück. Im Januar 2024 folgte Jens Petter Hauge, der nach vier Jahren bei AC Milan und Eintracht Frankfurt zunächst auf Leihbasis in seine Geburtsstadt zurückkam, und ein Jahr später für 4 Mio. fest verpflichtet wurde. Für kleines Geld holte man den 23-jährigen dänischen Stürmer Kasper Høgh von Stabæk Fotball, der sich zu einem echten Goalgetter entwickeln sollte.

Durch die internationale Erfahrung der Rückkehrer und einige talentierte Neuzugänge aus Dänemark und Norwegen verstärkt, marschierte Bodø/Glimt 2024/25 durch die Europa League, besiegte Porto, Sporting Braga, Beşiktaş, Maccabi Tel Aviv, Twente, Olympiakos und Lazio, ehe sie im Halbfinale an Tottenham scheiterten. Ein Jahr später spielten sie erstmals in ihrer Vereinsgeschichte in der Gruppenphase der Champions League, wo sie gegen Slavia Prag, Dortmund und Tottenham punkteten und überraschend gegen Manchester City und Atletico gewannen. In der Playoff-Runde eliminierten sie durch zwei Siege Inter. Anders als früher, waren sie jetzt auch in der Lage auswärts zu gewinnen. Niemand konnte nunmehr ihre Erfolge einzig und allein auf die ungewohnten Bedingungen eines Kunstrasenplatzes in Nordnorwegen schieben.

Transfers und Kader 2026

Auch in dieser Saison tritt Bodø/Glimt bekanntlich in der Champions League an. Nicht mehr dabei ist Urgestein Aasmund Bjørkan, der bei seinem Abschied schätzte, 35 der letzten 40 Jahre in Bodø verbracht zu haben. Ihn zog es zusammen mit Co-Trainer Gaute Helstrup zu Malmö FF, wo er beim zuletzt etwas schwächelnden schwedischen Rekordmeister die Strukturen modernisieren soll. Auf dem Platz schmerzt der Abgang von Top-Stürmer Kasper Høgh, der für 12,85 Mio. zu Celtic wechselte. Lillestrøm SK verpflichtete Daniel Bassi für 1,3 Mio., Jagiellonia Anders Klynge für 0,85 Mio. Summen, die früher für Bodø/Glimts Stammspieler gezahlt wurden, jetzt für seine Ersatzspieler. PSV Eindhoven kaufte außerdem das 17-jährige Top-Talent Mikkel Bro Hansen für 3 Mio., bevor er mehr als ein paar Kurzeinsätze abgreifen konnte.

Die Einnahmen aus der erfolgreichen Champions League-Teilnahme und den Spielerverkäufen investiert Bodø/Glimt in den Bau eines modernen Stadions mit 10.000 Plätzen für etwa 100 Mio. Euro. Die einzige Ablösesumme des Sommers zahlen sie natürlich für einen Rückkehrer. Nach dreieinhalb Jahren beim FC Lorient, inklusive Leihstationen bei den Young Boys Bern und Celtic, kommt Außenstürmer Joel Mvuka für 1,4 Mio. zurück. Außerdem wechselt der frühere norwegische Juniorennationalspieler Joshua Kitolano ablösefrei von Sparta Rotterdam, wo er langjähriger Stammspieler in der Abwehr war. Eine ungewöhnliche Ausnahme von der auf Dänen und Norweger konzentrierten Transferstrategie ist der Transfer des 18-jährigen Mittelfeldtalents Assan Sanyang. Er kommt von der gambischen Jugendakademie Tijan Jaiteh FA, benannt nach und aufgebaut von dem gambischen Ex-Profi Tijan Jaiteh, der zwischen 2006 und 2015 in Norwegen spielte, u.a. für SK Brann. Seine Fußballakademie soll eine Kooperation mit Bodø/Glimt unterhalten. In den letzten Jahrzehnten gab es durchaus viele bekannte Transfers aus Nigeria, Ghana, Senegal oder der Elfenbeinküste in die norwegische Liga. John Obi Mikel, Chinedu Obasi oder Anthony Ujah sind bekannte Beispiele. Ob der Transfer auch bei Bodø/Glimt eine dauerhafte Erweiterung der Transferstrategie bedeutet, muss sich zeigen.

Mit dem Mittelfeldduo Patrick Berg und Håkon Evjen, Flügelspieler Jens Petter Hauge und Linksverteidiger Fredrik Bjørkan spielen jedenfalls weiter vier Eigengewächse eine tragende Rolle in der Stammelf, alle im Alter zwischen 26 und 28. Alle sind sie auch norwegische Nationalspieler, ebenso wie Stürmer Ola Brynhildsen, die Innenverteidiger Jostein Gundersen und Odin Bjørtuft. Doch die Zielmarke 40% des Kaders mit Spielern aus der Region oder der eigenen Jugend zu besetzen, kann Bodø/Glimt aktuell nicht erfüllen, selbst wenn man noch zwei junge Ersatztorhüter, den kaum noch spielenden Routinier Ulrik Sandnes und die beiden aus Tromsø stammenden Mikkelsen und Gundersen noch dazurechnet. Um sich international mit den Besten messen zu können, schraubte der Verein die Kaderqualität und die Anforderungen an junge Spieler so hoch, dass es schwierig ist im dünn besiedelten Nordnorwegen genügend Talente unter den knapp 500.000 Einwohnern zu finden. Jüngere Spieler wie Stammrechtsverteidiger Fredrik Sjøvold (23), die Mittelfeldspieler Sondre Auklend (23) und Magnus Riisnæs (21) wurden in den letzten Jahren von Vereinen aus dem ganzen Land abgeworben, Innenverteidigertalent Villads Nielsen (21) kam aus Dänemark. Allerdings gibt es abgesehen von Andreas Schjelderup, der 2020 als 16-jähriger zu Nordsjaelland wechselte und heute bei Benfica spielt, auch kaum Eigengewächse, die sich in letzter Zeit bei anderen Erstligavereinen in Norwegen oder im Ausland durchgesetzt hätten. Sicher ist, dass die kommenden Talente des Vereins nicht mehr den Umweg über andere Vereine machen müssen, um international auf sich aufmerksam zu machen.

Quellen und Artikel zum weiterlesen:

https://tribuna.com/en/blogs/the-three-people-responsible-for-making-bodoglimt-a-magical/

https://www.kicker.de/die-strategie-hinter-ueberraschungsteam-bodoe-glimt-1202398/artikel

https://www.11freunde.de/welt-des-fussballs/der-blitzmeister-a-26e8701e-0004-0001-0000-000002950057

21 „Gefällt mir“

Lieber @Bart7 ,

bereits die Überblicke über Bremen etc. waren tolle Artikel.

Mit Liverpool und Bodø/Glimt hast du dich aber selber übertroffen.
Solche Qualitätsartikel habe ich lange nicht gelesen.

Alle deine Übersichten gehören unbedingt als eigene Artikel auf das MSR-Frontend. Nicht „nur“ hier in die Kurve.

Vielen Dank für deine Arbeit!

14 „Gefällt mir“

Das kann ich nur unterschreiben. Vielen Dank für diese super interessant geschriebenen Infos, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Da freue ich mich gleich noch mehr auf das Spiel heute Abend.

4 „Gefällt mir“

Ich bin vollkommen begeistert von deinem Beitrag! Einfach auch nur vielen, vielen Dank von meiner Seite für deine Arbeit!

1 „Gefällt mir“

An dem Text hatte ich schon die Woche über gearbeitet, ihn aber für Bodø/Glimt zwischendurch liegen lassen. Letzten Sonntagabend verkündete die ACF Fiorentina die erste Trainerentlassung in einer der Top-Ligen. Nach nur drei Spieltagen und einer miserablen Bilanz von 0 Punkten und einem Torverhältnis von 1:9 musste der erst im Sommer verpflichtete Fabio Grosso gehen. Paradoxerweise bekam die Fiorentina noch im Sommer viel Lob für ihre Transferverpflichtungen, die allerdings auch 150 Mio. verschlungen haben. Unglaublich viel Geld für ein Team, das letzte Saison gegen den Abstieg spielte und nur 26,5 Mio. über Verkäufe einnahm. War nun das Transferfenster doch nicht so gut wie erwartet, oder hat der Trainer zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht? Um das zu beurteilen, spulen wir erstmal noch ein bisschen zurück.

Die Ära Rocco Commisso

In ihrer so ruhmreichen wie wechselhaften Geschichte begann für die Fiorentina 2019 eine neue Phase, als Rocco Commisso den Verein von der italienischen Unternehmerfamilie Della Valle kaufte. Commisso kam als Kind aus Kalabrien in die USA, arbeitete für Banken und den Pharmakonzern Pfizer, bevor er mit einem erfolgreichen Medienunternehmen Milliardär wurde. Als Student war er ein passabler Fußballer am College und sein Leben lang Fan insbesondere des italienischen Fußballs. 2017 übernahm er Cosmos New York, der mit dem einstigen Klub von Pele und Beckenbauer aber nur die Markenrechte gemeinsam hatte. Gemeinsam mit anderen Klubbesitzern aus der NASL trieb er juristische Auseinandersetzungen mit der MLS und dem Fußballverband voran, um den Status der MLS als geschlossene Top-Liga in den USA aufzuweichen und die NASL-Teams in ein Ligensystem mit Auf- und Abstieg zu integrieren. Als dies scheiterte und sich ein Spielbetrieb nicht mehr lohnte, verkaufte Commisso die Lizenz und Namensrechte an ein drittklassiges Team aus New Jersey.

Ohnehin hatte sich Commisso mit dem Kauf Fiorentinas einen größeren Traum erfüllt, nachdem er zunächst auch versuchte, AC Milan zu übernehmen. Commisso versprach große Investitionen und baute tatsächlich für 150 Mio. auf eigene Kosten ein hochmodernes Trainingszentrum für die Männer-, Frauen- und Jugendteams, das 2023 fertiggestellt wurde und seinen Namen trägt. Durch das Sponsoring seines Unternehmens Mediacoms, sportlichen Erfolg und höhere Vermarktungserlöse, stieg der Umsatz Fiorentinas seit der Übernahme um beinahe das doppelte auf knapp 200 Mio. An der Spitze des Vereins installierte er seinen Vertrauten Joe Barone, wie er Italoamerikaner aus New York mit einer Doppelkarriere als Banker und Funktionär im US-amerikanischen Amateurfußball und bei Cosmos. Nach Barones Tod 2024 übernahm mit Mark E. Stephan ein Mann von Mediacom als CEO des Vereins, der sich im Hintergrund um die Finanzen kümmerte, während mit Alessandro Ferrari ein seit 2018 im Verein tätiger Medienprofi Alltagsgeschäfte, Kommunikation und Repräsentation übernahm.

Für die sportliche Führung holte Commisso Daniele Pradè zurück, der bereits zwischen 2012 und 2016 Sportdirektor der Fiorentina war, und sie in dieser Zeit gemeinsam mit Trainer Vincenzo Montella in den Top-4 der Serie A etabliert hatte. Nach Jahren ausgeglichener Transferbilanzen investierte die Fiorentina und holte unter anderem Spieler wie Sofyan Amrabat, Franck Ribery, Kevin-Prince Boateng oder Nico Gonzalez, landete aber auch jede Menge teure Transferflops und musste überdies mit Vlahovic, Chiesa und Amrabat ihre stärksten Spieler zu Juventus und Manchester United ziehen lassen. Unter Trainer Vincenzo Italiano erreichte man drei Jahre in Folge die Top 8 der Serie A, kam auch im Pokal und der Conference League weit. Sein Nachfolger Raffaele Palladino wurde gar Sechster, zerstritt sich aber mit Sportdirektor Pradè und trat nur wenige Wochen nach seiner Vertragsverlängerung entnervt zurück. Zur Saison 2025/26 wurde zum Angriff geblasen. Aus Saudi Arabien holte man Trainer Stefano Pioli zurück, der nach einer mäßig erfolgreichen ersten Station bei Fiorentina 2019 die AC Milan übernommen hatte, mit dem Verein die Meisterschaft und ein Champions League Halbfinale erreichte und 2022 Trainer des Jahres in Italien war. Mit vereinsinternen Rekordausgaben von 93 Mio. sollte die Mannschaft verstärkt werden. Es kamen u.a. Nicolò Fagioli, Roberto Piccoli, Simon Sohm, Edin Dzeko, Albert Gundmundsson und Robin Gosens. Doch die Saison endete im Abstiegskampf, Stefano Pioli und Daniele Pradè mussten im November 2025 gehen. Als Trainer übernahm bis Saisonende Paolo Vanoli, der seine Karriere im Trainerstab von Antonio Conte bei Inter und Chelsea begonnen hatte und später Spartak Moskau, Venezia und Torino trainierte. Er schaffte den Klassenerhalt und führte Fiorentina ins Viertelfinale der Conference League, wo man dem späteren Titelträger Crystal Palace unterlag.

Fabio Paratici und die Neuausrichtung 2026

Inmitten der sportlichen Krise erreichte den Verein am 16. Januar 2026 die Nachricht vom Tod Rocco Commissos, der den Besitz von Mediacom und Fiorentina an seinen Sohn Giuseppe übertrug. Anders als bei seinem Vater ist von einem größeren fußballerischen Interesse bei ihm nichts bekannt. Seine pathetischen Ansprachen über die Zukunft des Vereins in gebrochenem Italienisch mit schwerem amerikanischen Akzent stießen auf gespaltene Reaktionen unter den Tifosi der Fiorentina. Giuseppe Commisso bestätigte die Vereinsführung, versprach Kontinuität und wusste, dass der Verein hinsichtlich der Vakanz in der sportlichen Führung einen Trumpf in der Hinterhand hatte, womit er sich ruhigen Gewissens auf die US-amerikanischen Geschäfte der Mediacom fokussieren konnte.

Nach Ablauf des Wintertransferfensters kam im Februar 2026 Fabio Paratici von Tottenham Hotspur als neuer Sportdirektor. Paratici erklärte später, er sei nicht von Fiorentina abgeworben worden, sondern hätte vielmehr selbst Rocco Commisso überzeugen müssen, ihn zu verpflichten. Die Entscheidung dazu habe er Mitte Dezember getroffen, um wieder in der Serie A bei einem Team mit ambitionierten und finanzstarken Besitzern zu arbeiten. Ich wollte zu Paratici eigentlich viel mehr hier schreiben, aber letztendlich ist seine Geschichte so spannend wie ausufernd, sodass ich das in einen späteren Extra-Post auslagern werde. Fürs Erste soll uns genügen, dass die Beurteilung seines Schaffens weit auseinandergehen. Die einen sehen in ihm das Transfergenie, das den Juventus-Kader zusammengestellt hat, der in den 2010ern wie nie zuvor den italienischen Fußball dominiert hat. Die anderen weisen auf die 30-monatige Sperre hin, die er gemeinsam mit anderen Juve-Funktionären von der FIFA wegen Bilanzfälschungen aufgedrückt bekommen hatte, und sagen, dass sein Transfergenie sich bei Tottenham vor allem darin geäußert hätte, Ex-Juve-Spieler zu verpflichten und er chronisch falsch mit seinen Trainerentscheidungen läge. Nun denn…

Einig sind sich alle, von italienischen Medien bis hin zu Tottenham-Fans, dass Paratici sich bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt vor allem um das Wintertransferfenster der Fiorentina kümmerte. Die Neuverpflichtungen trugen jedenfalls seine klare Handschrift. Manor Solomon hatte Paratici einst zu Tottenham geholt, Daniele Rugani als jungen Spieler zu Juventus. Beide kamen auf Leihbasis, ebenso wie Jack Harrison von Leeds United. Auch der von Atalanta gekommene Mittelfeldspieler Marco Brescianini galt als expliziter Wunschtransfer von Paratici. Ebenso wie bei Giovanni Fabbiani von Bologna war seine Leihe an eine Kaufpflicht bei Klassenerhalt gebunden.

Durch den Nicht-Abstieg und die Leistung in der Conference League fand die Saison für die Fiorentina ein glimpfliches, aber für Paratici kein versöhnliches Ende. Wütend über die enttäuschenden Leistungen sprach er sich für eine tabula rasa aus und stellte den kompletten Kader zum Verkauf, mit Ausnahme des italienischen Top-Talents Cher Ndour. Dass am Ende neben ihm auch das Torwart-Trio um Routinier David De Gea, Pongracic, Parisi, Ranieri, Dodo, Fagioli, Brescianini und Leihrückkehrer Sottil blieben, lag schlicht daran, dass für sie keine attraktiven Angebote eingingen, bzw. sich Transfers wie bei Sottil und Dodo auf den letzten Metern zerschlugen. Den notwendigen Wiederaufbau mit einem völlig neuen und zukunftsträchtigen Kader wollte Paratici nicht in die Hände von Vanoli legen, obwohl dessen Verbleib auf dem Trainerposten von vielen Tifosi gefordert wurde. Stattdessen verpflichtete er Fabio Grosso, der Sassuolo 2025 zum Aufstieg in die Serie A und im Folgejahr auf einen 11. Platz führte. Grosso spielte in Paraticis Zeit bei Juve bis zu seinem Karriereende 2012. Danach wurde er Jugendtrainer und 2014 von Paratici zum Trainer der U-20 befördert. Auch nachdem sie später Juventus in unterschiedliche Richtungen verlassen sollten, trafen sie sich regelmäßig in Turin, wo ihre Familien leben.

Um Platz für seinen Neuaufbau zu schaffen, trieb Paratici die Verkäufe energisch voran. Darunter waren auch viele Talente aus dem Profikader, die für kleine Summen von 1-2,5 Mio. abgegeben wurden: Luis Balbo (Sturm Graz), Jonas Harder (FC Basel), Riccardo Braschi (FC Thun), Alessandro Bianco (Modena) und Lorenzo Lucchesi (Monza) deuteten zu Saisonbeginn durch erste Einsätze bei ihren Erst- oder Zweitligaklubs an, dass sie durchaus das Zeug für eine Profikarriere haben. Richtig bereuen könnte Fiorentina vielleicht einmal den Verkauf von Lorenzo Amatucci, der sich als Eigengewächs in diese Riege einreiht und für 2,5 Mio. unter Marktwert an La Liga-Aufsteiger Deportivo A Coruña verkauft wurde, wo er direkt Stammspieler im defensiven Mittelfeld wurde. Das gleiche könnte für die Abwehrspieler Niccolò Fortini (20) und Pietro Comuzzo (21) gelten, die beide auf Leihbasis mit Kaufoptionen von 9 bzw. 19 Mio. an Torino abgegeben wurden, obwohl sie immerhin schon ihre Debüts in der italienischen Nationalmannschaft feiern konnten. Zumindest bei Torwart Tommaso Martinelli (Avellino) und Abwehrspieler Eddy Kouadio (Monza), beides italienische Juniorennationalspieler, soll es Rückkaufoptionen geben, mit denen die Fiorentina die Kaufoptionen der Leihspieler kontern kann. Die Jugendarbeit der Fiorentina war in den letzten Jahren hervorragend. Unter Trainer Daniele Galoppi, seit Sommer Cheftrainer des Zweitligisten Modena, gewann man letzte Saison den Titel in der U-20 Primavera-Liga, im Jahr davor wurde man Zweiter. Natürlich kann man nicht für jedes Talent Platz im Kader schaffen, aber dass so ziemlich alle Eigengewächse trotz Talent und Leistungsnachweis in einer Phase des Neuaufbaus abgegeben wurden, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass ihre Ablösesummen anders als bei eingekauften Spielern mit Restbuchwert, vollständig in den bilanziellen Gewinn einfließen.

Bedarf für einen bilanziellen Ausgleich gibt es reichlich. Lucas Beltran, Matias Moreno, Jacopo Fazzini, Moise Kean, Robin Gosens, Roberto Piccoli, Albert Gudmundsson, Simon Sohm und Amir Richardson sind alle in den letzten zwei Jahren (außer Beltran, der 2023 kam) für Ablösesummen von insgesamt über 127 Mio. geholt und jetzt auf Leihbasis abgegeben worden. Auch wenn ein Teil durch Kaufoptionen wieder reinkommen wird, ist völlig unklar wie viel, denn nur bei Piccoli gibt es eine Kaufpflicht bei Klassenerhalt seines Leihvereins Bologna. Bei Rolando Mandragora, mit einer Ablöse von 5 Mio. teuerster Abgang des Sommers, rächte sich der Verkauf an Torino direkt am 3. Spieltag, als er beim 2:1 Sieg seines neuen Teams traf, in dem auch die Fiorentina-Eigengewächse Comuzzo und Fortini in der Startelf standen. Auch die Winterleihen mussten zu ihren Vereinen zurück. Fabbian, bei dem die Kaufpflicht über 13 Mio. griff, wurde direkt an Parma mit Kaufoption weiterverliehen. Jugendspieler ohne Profieinsatz nicht miteinberechnet verließen insgesamt 34 Spieler den Verein auf Leihbasis oder fest. Darunter waren aber auch einige Kaderleichen und zuvor bereits verliehene Spieler.

Neue Transfers und neuer Streit

Seine beiden Königstransfers verpflichtete Paratici bereits im Juli. Arthur Atta (23) kommt aus den berühmten Jugendakademien von Stade Rennes und FC Metz, nach einer starken Saison bei Udinese Calcio kaufte die Fiorentina ihn von dort für 25 Mio. Der zwanzigjährige Christ Inao Oulaï war hingegen einer der Senkrechtstarter der türkischen Liga im letzten Jahr und sorgte bei der WM mit der Elfenbeinküste für Aufsehen. Er kostete 26 Mio. Beide sind dynamische, offensiv ausgerichtete Achter, wobei Atta mehr über seine starke Athletik kommt, Oulaï hingegen über unorthodoxe, agile Körpertäuschungen und Dribblings, wobei er vielleicht etwas an unseren Bara erinnert. Sie dürften sich mit Cher Ndour um die zwei offensiveren Positionen im Zentralen Mittelfeld streiten, während die defensivere von Fagioli besetzt wird, der zwar kein starker Zweikämpfer ist, aber das Spiel aus der Tiefe gut lenken kann.

In der Abwehr holte Paratici zunächst mit dem 21-jährigen Viery (für 15 Mio. von Grêmio Porto Alegre) und dem 19-jährigen Víctor Valdepeñas (für 8 Mio. von Real Madrid Castilla) zwei junge Spieler, die sowohl innen als auch links in der Abwehrkette spielen können, wo Fabiano Parisi weiter ausfällt. Ebenfalls in der Akademie von Real Madrid wurde Rechtsverteidiger Alex Jimenez (21) ausgebildet, der nach einer Saison bei AC Mailand in Bournemouth landete. Nach einer Saison als Stammspieler in der Premier League wäre er unter normalen Umständen nicht zu bekommen gewesen, allerdings wurde er vom englischen Fußballverband und seinem Verein suspendiert, weil er einer 15-jährigen auf Social Media „unangemessene Nachrichten“ geschickt haben soll. Seine Leihe soll ab 30 Einsätzen mit einer Kaufpflicht über 20 Mio. verbunden sein. Sowohl rechts als auch links hinten kann João Mário (26) spielen, der auf Leihbasis mit Kaufoption von Juventus kommt, das ihn erst vor einem Jahr für 12 Mio. aus Porto geholt und im Winter nach Bologna verliehen hatte. Als Überraschungscoup wurde die Verpflichtung von Radu Drăgușin (24) angesehen, den Paratici schon von Juventus und Tottenham kennt und bereits im Winter holen wollte. Wenn die verpflichtende Kaufoption am Ende der Saison ausgelöst wird, kostet er inklusive der Leihgebühr 19 Mio. Vor seinem Wechsel zu Tottenham soll auch Bayern stark an dem rumänischen Innenverteidiger interessiert gewesen sein, allerdings stagnierte seine Karriere zuletzt verletzungsbedingt. Die Abwehrverpflichtungen mögen mit Blick auf fehlende Erfahrung oder Spielpraxis riskant erscheinen, doch hat Florenz anders als auf anderen Positionen mit Ranieri, Parisi, Dodo und dem aus Bayern-Jugend und Bundesliga bekannten Pongracic noch die komplette Stammabwehr der letzten Saison in der Hinterhand.

Im Sturm kam Stoßstürmer Mateo Pellegrini (24) für 22,5 Mio. von Parma, das ihn anderthalb Jahre zuvor von Velez Sarsfield verpflichtet hatte. Als Kind spielte er auch in der Jugend von Valencia und Inter, wo sein Vater Mauricio Pellegrini Co-Trainer war. Mit Franco Mastantuono (19) konnte die Fiorentina einen weiteren jungen Argentinier auf Leihbasis ohne Kaufoption von Real Madrid verpflichten, das vor einem Jahr noch 45 Mio. für ihn an River Plate gezahlt hat. Die weiteren Neuzugänge in der Offensive ließen jedoch zunächst auf sich warten, während die Saison mit einer herben 0:4 Schlappe gegen die Roma begann. Fiorentina hatte zu dem Zeitpunkt bereits über 120 Mio. ausgegeben, die Verkäufe hingegen stockten. Um Moise Kean entspann sich ein Transfertheater über seinen Wechsel zu Como, der zwischenzeitlich zu seiner Abwesenheit vom Training und einer Suspendierung durch die Vereinsführung führte. Grosso erklärte auf einer Spieltagspressekonferenz, er hätte Kean gerne eingesetzt, was wiederum Paratici als illoyales Störfeuer empfand. Generell forderte Grosso mehr Erfahrung im Kader, während Paratici von seinen jungen Einkäufen begeistert war. Über den Transfer des 33-jährigen Marcelo Brozovic gab es ebenfalls geteilte Meinungen, am Ende soll der Deal ohnehin an finanziellen Fragen gescheitert sein.

Am Deadline Day kam dann nochmal richtig Fluktuation auf, in der Offensive verließen Nzola, Kean und Gudmundsson den Verein, während Mittelstürmer Beto (28) für 18 Mio. von Everton kam, wo er letztes Jahr noch Stammspieler war. Der flexible Offensivspieler Pedro Goncalves (28) erzielte in der letzten Ligasaison 13 Tore und 8 Vorlagen für Sporting Lissabon, fiel aber dem dortigen Umbruch zum Opfer. Für Fiorentina auf Leihbasis mit Kaufoption ein echter Coup. Mit Alieu Njie (21) von Torino und dem Ex-Interista Wilfried Gnonto (22) von Leeds kamen noch zwei antrittstarke Flügelspieler ebenfalls auf Leihbasis mit Kaufoption. Zufrieden war Grosso mit den Einkäufen allerdings nicht. Bei Sassuolo setzte Grosso auf Laurienté und Berardi auf den Außen, zwei inverse Flügelstürmer mit starken Qualitäten im Kombinationsspiel und Abschluss. Genau solche Typen wollte er auch bei Fiorentina haben, die von Paratici geholten Spieler hätten die falschen Profile in der Offensive.

Nach der Niederlage gegen Torino letzten Samstag eskalierte die Situation dann vollends. Eigentlich hatte die sportliche Führung beschlossen, Grosso noch drei Spiele bis zur Länderspielpause zu geben. Doch in einem Gespräch mit Paratici soll Grosso die Mannschaft als untrainierbar bezeichnet haben und seinen einstigen Freund gesagt haben, dass er ihn von seinem Job freistellen sollte, wenn ihm etwas an ihm liegen würde. Paratici soll daraufhin keine Basis mehr für eine motivierte Zusammenarbeit gesehen und der sportlichen Führung die Trennung empfohlen haben. Von anderer Seite hört man wiederum, Grosso hätte die Zusammenstellung des Kaders zwar kritisiert, aber weitermachen wollen. Die unterschiedlichen Sichtweisen könnten in Zukunft vor Gericht geklärt werden, da angeblich die sportliche Führung Fiorentinas aus Kostengründen die Vertragsauflösung von Grosso durchsetzen will, da dieser seine Pflichten verletzt hätte. So verständlich jedenfalls Grossos Ärger über die späte Klarheit auf den Offensivpositionen auch ist, bei den Niederlagen unter seiner Führung waren die individuellen Einzelaktionen der Offensivspieler noch das Beste am Spiel. Zum Verhängnis wurde ihm vielmehr das völlige Fehlen von defensiver Stabilität in Abwehr und Mittelfeld, wo Grosso frühzeitig viele, darunter auch erfahrene, Optionen hatte, aber in jedem Spiel die Formation wechselte und in keiner Konstellation eine stabile Lösung fand. Am Ende stellt sich vor allem die Frage, worüber Grosso und Paratici eigentlich gesprochen haben, als sie wenige Monate zuvor ihre Wunsch-Zusammenarbeit beschlossen hatten und wie sehr man aneinander vorbeikommunizieren kann.

Ausblick in die Zukunft

Weniger als 24 Stunden nach der Trennung von Grosso präsentierte die Fiorentina ihren neuen alten Trainer, Paolo Vanoli, also genau den Mann, dem Paratici den Neuaufbau explizit nicht zugetraut hatte. Für kurze Zeit kursierte auch der Name von Thiago Motta, der Bologna als Trainer in die Champions League geführt hat, bei Juventus aber scheiterte und arbeitslos ist. Vom Profil her scheint er genau der Trainer zu sein, den Paratici ursprünglich hätte holen wollen. Manche Quellen spekulierten, dass seine Gehaltsforderung von 3,5 Mio. der Fiorentina zu hoch gewesen wäre, was angesichts der Transferausgaben eigentlich grotesk anmutet. Andere, dass er nicht ohne Vorbereitung und Transferfenster ein neues Projekt übernehmen wollte. Die Fiorentina wiederum ließ verlauten, sie habe von Anfang an nur Vanoli kontaktiert, was angesichts der kurzen Zeit zwischen spontaner Trainerentlassung und Neubesetzung auch plausibel erscheint. Doch welchen Kredit hat ein Trainer, der erst im Sommer gewogen und für zu leicht befunden wurde? Ist es Paratici, der seine Entscheidung vom Sommer bereut und korrigiert hat, oder bereuten es seine Vorgesetzten, in dieser Frage auf ihren Sportdirektor gehört zu haben? Ist dies nach gut einem halben Jahr schon der Beginn vom Ende seiner Zeit in Florenz? Der Druck jedenfalls wäre nach einem möglichen weiteren Fehlschlag auf der Trainerposition enorm gewesen. Mit dem bei den Tifosi beliebten Vanoli könnte er sich erstmal aus der Schusslinie nehmen und darauf hoffen, dass dieser die Fiorentina erneut stabilisiert und die Jubiläumssaison im hundertsten Jahr der Geschichte Fiorentinas zumindest in einem Übergangsjahr in bessere Zeiten endet. Wenn nicht, könnte auch die Geduld von Giuseppe Commisso geprüft werden, dessen Vater zwischendurch schon einmal mit einem Verkauf seiner Anteile kokettiert hat.

Am Freitagabend gelang mit Vanoli an der Seitenlinie schon einmal der erste Saisonsieg mit einem 4:2 beim weiterhin punktlosen Aufsteiger Venezia. Doch sowohl die Qualität der gegnerischen Abwehrformation als auch die erneut auffälligen Schwächen der eigenen Defensive lassen noch nicht allzu viele Rückschlüsse zu. Mit dem Dreifachtorschützen Mastantuono hat man aber ein Toptalent in den eigenen Reihen, das zum Träumen einlädt. Die Fiorentina bleibt ihrer eigenen Geschichte treu, die immer schon einer wilden Achterbahnfahrt glich. Man weiß nur nicht, ob es gerade hoch oder runter geht.

9 „Gefällt mir“

Grandios !!! :clap: Mille grazie

Forza Viola ! :purple_heart::fleur_de_lis:

Commisso jr und Ehefrau haben Wort gehalten und 100Mio investiert heuer sowie das Sponsoring Mediacom (25Mio).

Parallel zur Übernahme 2019 gab es eine ernsthafte Schattenverhandlung DellaValle mit Einbezug der Viola Legende Antognoni. Gegen das Angebot von Commisso hatten wir keine Chance.

Freut mich ganz besonders dass der Artikel dir als Sympathisant der Fiorentina gefällt!
Mir scheint auch, dass das Investment von Commisso langfristig geplant ist, er hätte den Verein für den Bau des Trainingsgeländes ja auch Kredite aufnehmen lassen können. Bloß frage ich mich, ob der Sohn irgendwann die Geduld verliert, wenn er merkt dass immer mehr investiert wurde ohne dass es mal nach oben geht in der Tabelle, weil die Konkurrenz nunmal groß und Erfolg im Fußball auch mit Geld nicht ganz planbar ist. Zumal es ja auch mit dem Stadion nicht gut läuft, etc. Andererseits würde er das investierte Geld dann auch nicht wiedersehen, 629 Mio., so viel zahlt ihm ja niemand. Sehr aufschlussreicher Artikel übrigens, danke!

1 „Gefällt mir“

Die Fan-base ist extrem. Dito Erwartungen, Hunger und Druck. Es reicht nicht zu gewinnen, sie wollen das attraktivste Angriffsspiel der Serie A sehen. Sehr groß die Sehnsucht wieder anzuknüpfen an die Zeiten mit Toldo, Rui Costa, Battigol….

Präsidenten/Eigentümer wie Cecchi Gori und DellaValle sind daran veranlasst worden die Segel zu streichen. Kein Zuckerschlecken :slight_smile:

Gut möglich dass auch Commisso aufgeben wird.

Meine ersten Autogramme bekam ich 82 von Antognoni und Passarella :wink:

1 „Gefällt mir“

Krass, das war weit vor meiner Zeit. Aber an Toldo, Rui Costa und Batistuta kann ich mich noch sehr gut erinnern, auch an Tomas Repka, Predrag Mijatovic, Enrico Chiesa, Nuno Gomes, die Zeit kurz vor dem Absturz…
Ich kann mir wie geschrieben alles vorstellen für die Zukunft und für Optimismus ist es zu früh, auch nach dem Spiel gestern. Aber Fagioli, Atta, Oulai, Ndour, Mastantuono, Beto, Pedro Goncalves, das sind alles richtig feine Kicker finde ich, vor allem Mastantuono, der aber ja leider eh nur für eine Saison bleibt. Damit könnte man schon einen sehr dynamischen und offensiven Fußball spielen…

1 „Gefällt mir“

Hier die drei Tore von Mastantuono

https://x.com/SerieA/status/2098652837425054061

2 „Gefällt mir“

Zur Abwechslung mal was knapperes aus aktuellem Anlass:

Manchester United Kurzanalyse Transfers

Michael Carrick steht nach einem schwachen Saisonstart mit lediglich 4 Punkten aus 4 Spielen und einem Aus im EFL-Cup unter Druck. In den Medien wird bereits spekuliert, ob er durch Kieran McKenna ersetzt wird, der beim letzten Spiel gegen Brighton im Stadion gesehen wurde. McKenna, seit Kindertagen inniger Fan von Manchester United, arbeitete bei seinem Lieblingsverein einige Jahre im Nachwuchs und – pikanterweise an der Seite von Michael Carrick – im Trainerteam von Mourinho, Solskjær und Rangnick, ehe er im Dezember 2021 Cheftrainer des Drittligisten Ipswich Town wurde. In den beiden Folgesaisons schaffte er mit Ipswich den Durchmarsch bis in die Premier League mit einer Bilanz von 194 Punkten und 193 Toren. Nach dem folgenden Abstieg gelang ihm die direkte Rückkehr in die Premier League, mit dem dritten Aufstieg in vier Jahren also. Im Anschluss trat er aber von seinem Posten zurück, um eine Pause einzunehmen.

Doch auch Michael Carrick hatte eigentlich ein äußerst erfolgreiches Halbjahr hinter sich. Im Januar 2026 übernahm er das kriselnde Manchester nach der Entlassung von Ruben Amorim, besiegte zum Auftakt hintereinander Manchester City und Arsenal und erreichte am Ende einen dritten Platz und damit die Rückkehr in die Champions League. In einer fiktiven Tabelle, in der die Saison mit seinem Trainereinstieg begonnen hätte, wäre Manchester United Meister geworden. Carrick, der von 2006-2018 316 Ligaspiele für United absolvierte, konnte sowohl die Fans für sich begeistern als auch die Formkrise einer Reihe von Spielern umkehren. Was zu der Frage führt, ob nicht eigentlich die Kaderzusammenstellung und Transferpolitik das eigentliche Problem darstellen.

Auffällig ist, dass United abgesehen von dem ablösefrei von Leeds verpflichteten Ersatzkeeper Karl Darlow, ihr ganzes Budget in die Verpflichtung von drei defensiven Mittelfeldspielern investierte, obwohl man mit Kobbie Mainoo ein wiedererstarktes Eigengewächs auf dieser Position hat. Mit dem 29-jährigen Youri Tielemans, Kapitän der belgischen Nationalmannschaft, holte man einen erfahrenen Spieler mit Leader-Qualitäten für 41 Mio. von Aston Villa. Mit Andrey Santos (für 56,3 Mio. von Chelsea) und Carlos Baleba (für 75,9 Mio. von Brighton) kamen zwei 22-jährige, die in der Premier League letzte Saison mit 27 bzw. 31 Einsätzen auf sich aufmerksam gemacht haben und gleichzeitig noch viel Potential haben. Baleba fiel zum Saisonauftakt verletzt aus, nach seiner Rückkehr werden sich vier hochveranlagte Spieler um die zwei Positionen hinter Bruno Fernandes in Uniteds 4-2-3-1 streiten müssen. Zweifellos eine sehr gute Kadertiefe, aber die besten zentralen Mittelfeldspieler scheinen eher bei der Konkurrenz gelandet zu sein. Hätte United sich auf der Position nicht besser auf eine Top-Verpflichtung fokussiert oder einen Teil der 173 Mio. in andere Mannschaftsteile investieren sollen?

Interessanterweise gab es schon in den letzten zwei Jahren eine jeweilige Konzentration auf einen Mannschaftsteil. 2025 investierte man neben den 21 Mio. für Torhüter Senne Lammens 225 Mio. ausschließlich in die Transfers der Offensivspieler Benjamin Sesko (76,5 Mio. an RB Leipzig), Matheus Cunha (74,2 Mio. an Wolverhampton) und Bryan Mbeumo (75 Mio. an Brentford), während die Problemstellen in Abwehr und Mittelfeld nicht angegangen wurden. 2024 war es etwas gemischter mit den Verpflichtungen von Manuel Ugarte (50 Mio. an PSG) und Joshua Zirkzee (42,5 Mio. an Bologna). Doch auch in diesem transfertechnisch insgesamt deutlich ereignisreicheren Jahr gab es einen klaren Fokus, in dem Fall auf die Defensive. United holte praktisch eine komplette Abwehrreihe mit Linksverteidiger Patrick Dorgu (für 30 Mio. von Lecce), den Innenverteidigern Mathijs de Ligt (für 45 Mio. von Bayern) und Lenny Yoro (für 62 Mio. von Lille), sowie Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui (ebenfalls von Bayern für 15 Mio.). Dazu kamen Abwehrtalent Ayden Heaven für 1,8 Mio. von Arsenal, der langsam aufgebaut wurde und letzte Saison 17 Spiele in der PL absolvierte und Harry Amass aus der eigenen Jugend, der sich über Kurzeinsätze und Leihstationen zu einer Kaderalternative entwickelte.

Letztendlich konnte keine der Verpflichtungen aus dem Sommer 2024 vollends überzeugen, ohne dass dies in den Folgejahren korrigiert worden wäre. Sicherlich kann man zumindest den U-21 Talenten Dorgu, Yoro, Heaven und Amass noch Entwicklungszeit zugestehen, doch Stand jetzt wirken sie teils überfordert. So griff auch Carrick notgedrungen wieder auf die in der Vergangenheit stark kritisierten Routiniers Luke Shaw, Harry Maguire, Diogo Dalot und Lisandro Martinez zurück. In den ersten sechs Saisonspielen setzte Carrick nur einmal die gleiche Abwehrformation in zwei aufeinanderfolgenden Spielen ein, veränderte sie ansonsten in jedem Spiel auf mindestens zwei Positionen. Lediglich Sabah FK gelang es nicht, ein Tor gegen United zu erzielen. In den anderen fünf Spielen setzte es 10 Gegentore.

Sicherlich kann sich auch Michael Carrick den Gesetzen des Fußballs nicht auf Dauer entziehen. Er muss die Defensive stabilisieren und beweisen, dass seine Erfolge in der letzten Saison nicht nur einer vorübergehenden Euphoriewelle geschuldet waren. Aber wenn Manchester United nicht vorranging ihre Probleme im Kaderaufbau angeht, wird die hohe Trainerfluktuation seit Alex Fergusons Abgang weitergehen und noch so manchen vielversprechenden Trainer verbrauchen.

5 „Gefällt mir“