Veröffentlicht unter: WM 2026: Favoriten im Check! Portugals Klotz am Bein
Über Deutschland und seinen Kader für die WM 2026 wurde alles gesagt, doch wie schaut es bei der Konkurrenz aus? Im ersten Teil unseres Favoriten-Checks schauen wir auf die südeuropäischen Riesen. „Wir sollten jetzt nicht über irgendwie Finale oder den Titel nachdenken“, sagte Joshua Kimmich am Freitag auf der Pressekonferenz: „Irgendwo ist das ein Traum und ein Ziel, was jeder im Kopf hat. Aber das bringt uns am Anfang des Turniers nicht vorwärts, sondern wir sollten über die Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen, nachdenken.“ Deutschland schaut auf sich. Wohlwissend, dass die großen Favoriten bei der WM 2026…
Seit Jahren scheitert Portugal am alternden Sturmstar und Frankreich, wie soll man es anders sagen, am Trainer. Anders lässt sich Frankreichs für diesen Kader relativ leere Vitrine nicht erklären.
Gehe ich nicht mit. Deschamps erstes Turnier war die WM 2014. Insgesamt hatte er sechs große Turniere mit les Bleus. Nations League lasse ich mal außen vor.
Hier habe ich die Punkte der Top-Europäer in diesen Turnieren zusammengerechnet:
- Frankreich 76
- Belgien 59
- England 58
- Deutschland 56
- Spanien 50
- Kroatien 48
- Niederlande 47
- Portugal 46
- Italien 37
- Schweiz 37
→ Deschamps Franzosen sind nicht nur auf Platz 1, sie sind mit großem Abstand auf Platz 1.
Der Medaillenspiegel der Europäer in dem Zeitraum sieht so aus:
1 Frankreich 1x Gold, 2x Silber, 1x „Bronze“ (Halbfinale)
2 Spanien 1 - 0 - 1
2 Deutschland 1- 0 - 1
4 Italien 1 - 0 - 0
4 Portugal 1 - 0 - 0
6 England 0 - 2 - 1
…
→ Deschamps Franzosen sind die einzigen mit vier Halbfinalteilnahmen. Nur England kommt noch auf drei (dafür fehlt denen ein Titel), sonst alle bestenfalls auf zwei.
6/6 Achtelfinals, 5/6 Viertelfinals, 4/6 Halbfinals, 3/6 Finals, 1/6 Titel. Das ist eine unfassbar gute Bilanz.
Selbst wenn Frankreich immer den stärksten Kader gehabt hätte, kann man rein von den Erfolgen her nicht viel mehr erwarten als das. Dafür sind die Unterschiede auf diesem Niveau spätestens ab dem Halbfinale zu klein. Denn auch Deutschland, England, Spanien, Portugal, Belgien hatten in diesen 12 Jahren teils richtig starke Kader. Bei der WM jeweils noch Brasilien und Argentinien dazu.
Wo ich die Kritik komplett verstehe, ist die sehr defensive, ja bisweilen destruktive Spielweise. Feuer frei für die Kritik daran. Und natürlich darf die Frage gestellt werden, ob mit einer mutigeren, offensiveren Taktik ganz vielleicht zumindest der gleiche Ertrag bei mehr Spektakel möglich gewesen wäre.
Was die WM 2026 angeht, bin ich trotz meiner Deschamps-Verteidigung etwas pessimistischer (oder optimistischer? Sind ja schließlich Konkurrenten und ein möglicher Achtelfinalgegner), obwohl ich verstehe, dass die der Topfavorit sind. Ich sehe aber noch nicht, wie Mbappé, Olise und Dembélé zusammen funktionieren sollen. Und die krasse Trennung in sechs Defensive und vier offensive auf dem Platz gefällt mir auch nicht.
Meine Favoriten sind England und Spanien.
Und klar, Frankreich kann immer sehr weit kommen.
Geheimfavoriten: Norwegen und Kroatien
Schöne Zahlen, aber wir können trotzdem dankbar sein, dass Deschamps Trainer von Frankreich ist und nicht jemand, der deren absurde Qualität wirklich entfalten kann.
Spektakel. SPEKTAKEL!! Nichts geht über Spektakel. (Liebe Grüße an @BayernExpat!)
Hint: Ein Spektakel ist kein Spektakel, wenn man ein Spectaculum braucht, um es als solches zu erkennen.
Therefore, France? Probably not for me…
Vielleicht noch ein ernsthaftes Wort, vielleicht zu Deiner Analyse, @Georg. Ich stimme Dir vollkommen zu, dass die Bilanz von Frankreich seit Deschamps’ Amtsantritt als Nationaltrainer sehr gut ist.
Aber wir wissen nicht, ob diese gute Bilanz trotz oder wegen Deschamps so gut ist, oder ob sie sogar völlig unabhängig von der Person auf dem Trainerstuhl ist.
Letzteres ist ziemlich unplausibel, aber der Blick auf eine Bilanz alleine gibt es methodisch nicht her, den Beitrag des Trainers von dem Beitrag der Mannschaft und anderer Faktoren zu dieser Bilanz zu unterscheiden.
Wer weiß, vielleicht hätten die Franzosen mit einem Besenstiel auf dem Trainerstuhl sogar noch besser abgeschnitten.
(Im Grunde genommen braucht man zur Identifikation solcher Kausalitäten With/Without-Anordnungen wie in einem Experiment mit Behandlungs- und Kontrollgruppe. Das ist in sozialen Kontexten methodisch extrem anspruchsvoll, die Ökonomik kann ein Lied davon singen. Diese Voraussetzungen haben wir hier nicht.)
The whole world cup is not for you. Zumindest wenn wir auf die besten Teams schauen. Wer liefert da schon Spektakel?
Man stelle sich vor, im Finale eines Turniers spielten von Arteta instruiere Engländer gegen von Dechamps instruierte Franzosen.
Worst imaginable tournament.
Wenigstens hätten wir dann im kommenden Jahr einen (Kane bei einem England-Sieg) oder zwei (Olise und Upamecano bei einem Frankreich-Sieg) Weltmeister im Kader. ![]()
Und wir hätten eine schöne Diskussion darüber, ob man nicht auch bei Bayern in den ganz wichtigen Spielen auf defensiveren Fußball setzten sollte, weil ja dann entweder Deschamps oder Tuchels (hätte noch mehr Brisanz wegen seiner Bayernvergangenheit) Defensivtaktik den Titel gebracht hätte.
Nein und nein. Nein, man sollte nicht, und nein, die Diskussion käme dann* auch nicht auf.
*unter denkenden Menschen
Gibt es denn eine Antithese? Welche Teams haben denn in den letzten zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren eine WM oder EM mit sehr offensivem Fußball gespielt? Und wer von denen hatte einen Favoritenkader? Oder zumindest Mitfavoritenkader.
Wenn zehn Personen a) sagen, ist a) ja nicht automatisch deshalb die richtige Antwort, weil keiner b) sagt.
Vermutlich nicht. Es sind in der Regel (eigentlich immer) die Teams, die defensiv stabil stehen, die auch den Titel holen. Das muss nicht übers ganze Turnier gelten, aber mindestens im Endspiel, wobei es so oder so Beispiele gibt.
Wer sich mit Hurra durch die Vorrunde ballert scheitert meist kurz danach. Ausnahme waren vielleicht hier und da die Brasilianer, wobei auch die in der Regel wenig zugelassen haben wenn sie erfolgreich waren.
Deswegen ist es aus meiner Sicht sehr schwer, einen eindeutigen Favoriten zu nennen, natürlich ist Frankreich in der Verlosung, Spanien eher nicht, England vielleicht und bei den Südamerikanern kann ich gar nichts einschätzen. Da Argentinien jetzt endlich mal dran war sind die für mich raus. Von Brasilien hört man erstaunlich wenig…
Du hast meinen Post nicht ganz verstanden, fürchte ich. Meine Behauptung ist, dass es keine Antithese gibt. Wir können solche Aussagen, wie du sie triffst, in Bezug auf eine WM oder EM also nicht treffen, weil wir sie nicht überprüfen können. Wenn zehn von zehn Top-Teams die Defensive priorisieren, dann ist es simple Mathematik, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass ein Team mit Defensivfußball den Titel gewinnt. Wenn drei von fünf Top-Favoriten Defensivfußball spielen, ein Team sehr kontrollierten Offensivfußball und eins irgendwas dazwischen, dann gilt dasselbe.
Wir haben keine Antithese. Wenn irgendein Team wirklich mal Flick- oder Kompanyfußball spielen würde UND einen Kader wie Frankreich, England oder andere vergleichbare hätte, dann könnten wir schon eher eine Ebene für Diskussionen aufmachen. Man könnte also sicherlich verargumentieren, dass es schon seine Gründe hat, dass Nationalmannschaften oft so auftreten. Aber nur weil X Teams das so machen, heißt es nicht, dass es der Königsweg ist. Vielleicht kommt ja doch irgendwann ein Kompany daher, der das alles aufmischt.
Ein Beispiel fällt mir dann übrigens doch ein: Flicks Deutschland. Aber da kann man genauso gut argumentieren, dass die Probleme vermutlich tiefgreifender waren als taktischer Natur. Den Kader würde ich aber noch als gerade gut genug einstufen, um es gelten zu lassen.
Aber ich will zu dem Thema sowieso noch einen Artikel schreiben. Wir hatten im Slack neulich eine ähnliche Diskussion.
Die Frage ist ja auch, und bleiben wir mal bei „Kompanyfußball“, inwieweit dieser überhaupt zugelassen wird. Wo war der „Kompanyfußball“ im Rückspiel gegen Paris? Also das scheitert mitunter ja eben auch an einer defensiven Ausrichtung des Gegners, siehe auch CL-Finale.
Insofern ist es auch immer ein Mix aus defensiver Stabilität und offensiver Durchschlagskraft und letzten Endes natürlich auch der Effizienz und des Glücks.
Das sehe ich schon sehr anders. PSG hat mit einer sehr offensiven Herangehensweise jetzt zweimal die CL gewonnen, Barca und Bayern waren in beiden CL-Wettbewerben jeweils gut unterwegs. Bayern hätte PSG auch besiegen können, wenn das Hinspiel nur geringfügig anders läuft. PSG hatte halt die komfortable Situation, nicht aktiv sein zu müssen. Das betrifft systemunabhängig jedes Team. Wenn Bayern führt, und das hat man bspw. gegen Real Madrid gut gesehen, gehen sie auch weniger Risiko als bei Rückstand.
Gerade die Champions League ist in der jüngeren Vergangenheit eher ein Positivbeispiel dafür, dass Offensivfußball dir internationale Titel gewinnen kann und nicht andersherum den großen Wurf verhindert. Den Ausschlag zwischen Bayern und PSG hat kein System gegeben, sondern Kleinigkeiten, die bei jeder Herangehensweise entscheidend sind. Fitness der Bank bspw. oder individuelle Qualität.
Ich halte den Leitspruch, dass die Defensive Titel gewinnt, für eine urban legend, die nur deshalb überlebt, weil Leute sie immer wieder erzählen. Am Ende gewinnen sehr gute Mannschaften Titel. Die sehr gut darin sind, das zu tun, was ihre Identität ist. Der Mix aus Top-Spielern und einem passenden taktischen Konzept ist entscheidend. Das kann ein Defensivkonzept sein, es kann aber auch ein Offensivkonzept sein.
Die Legende wird nicht wahrer, weil bei einer WM alle Top-Favoriten konservativen Fußball spielen. Drehen wir das doch mal um: Was wäre, wenn Frankreich Kompany-Fußball spielen würde seit 2016 und dabei nur einen Titel geholt hätte? Wie würden die Diskussionen wohl aussehen?
Sollte man analog dazu nicht langsam mal diskutieren, ob der französische Konservatismus gescheitert ist und endlich einer übernehmen muss, der die Offensive entfesselt?
Ein Problem im Kontext der Nationalmannschaften ist halt, dass ein System wie das von Bayern oder PSG ein gewisses Maß an Eingespieltheit, an Perfektion erfordert um zu funktionieren und auch einen Kader ohne größere qualitative Lücken. Insofern verstehe ich prinzipiell einen etwas pragmatischeren Ansatz eher aus der Stabilität heraus zu agieren, aber was Deschamps da bei Frankreich mit diesem unglaublichen Kader treibt ist schon extrem und ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit einem offensiveren Ansatz da nicht mehr herausholen könnte.
Jep. Hatten wir ja schon zwei-, dreimal im Podcast. Klassische Base-Rate-Fallacy.
Wir haben 100 Kranke, von denen 60 geimpft und 40 ungeimpft sind. Dann sind 60% der Kranken geimpft. Dann heißt das aber natürlich nicht, dass die Impfung eher krank macht. Hierfür braucht es den Blick auf die jeweilige Grundgesamtheit. Um im Beispiel zu bleiben: Wenn es 1.000 Geimpfte gibt und 100 Ungeimpfte, wäre die Wahrscheinlichkeit, als Geimpfter krank zu werden 6% und als Ungeimpfter krank zu werden 40%.
Und wenn also von zehn Weltmeistern sieben Defensivfußball spielen und drei offensiv, dann kommt es ebenfalls auf die Grundgesamtheit an. Vielleicht haben es ja nur fünf mit Offensivfußball versucht. Dann wäre die Erfolgschance 60%, während es 50 mit Defensivfußball versuchten und auf eine Erfolgschance von 14% kämen.
In der Praxis leider sehr, sehr aufwendig zu untersuchen. Die Grundgesamtheiten sind nicht homogen. Man müsste es um die sportliche Stärke bereinigen. Ebenso ist es alles andere als einfach und in der Regel nicht binär, Mannschaften als offensiv oder defensiv zu klassifizieren. Nur die geschossenen Tore reichen nicht. Advanced Metriken liegen aber nur für wenige Turniere vor. Usw.
Ergänzen würde ich noch, dass die Diskussion sehr alt ist. Seit ich mich erinnern kann, gibt es den Mythos, dass es Mannschaften gibt, die erfolglos in Schönheit sterben (auf Nationalelfebene oft Holland, Spanien vor 2008, Löws Deutschland vor 2014), während andere mit kühler Effizienz Erfolge feiern (oft Deutschland, Italien). Und als innerer Konflikt ein roter Faden der Brasilianer in den letzten 40 Jahren. Was den Mythos nicht belegt.
Ja, genau und seltsamerweise wird fast nie über die Erfolglosigkeit der Pragmatismuskönige gesprochen. Dass Frankreich und England gemeinsam nur einen großen Titel seit 2018 haben, ist eigentlich ein Treppenwitz bei den Kadern.
In Frankreich ist man bis auf die EM nicht so unzufrieden mit der Equipe. Das letzte WM Finale hätte man auch gewinnen können. Mit Zidane wird es nach der WM auch keinen allzu großen Paradigmenwechsel geben.
England hat sich keinen Trainer geholt nach der EM der für Offensivfußball steht. Die Verantwortlichen haben anscheinend andere Faktoren die ihnen wichtiger sind.
Finde es etwas hart zu sagen, dass Frankreich mehr Weltmeisterschaften hätten gewinnen müssen. Es ist sauschwer. Aber attraktiver könnte es nach meinem Geschmack auf alle Fälle sein.
Dechamps ist aber in Frankreich noch etwas mehr als ein Trainer. Der Umgang politisch aufgeladen. Alles eine erstaunliche Entwicklung. Hat die Equipe doch in den alten Zeiten die Bevölkerung nicht so sehr interessiert. Heute ist fast alles politisch an der Equipe. Für Frankreich zu spielen kann auch eine Last sein. Ich finde das merkt man ihnen oftmals an.