Fußball-Kultur: Wie der FC St. Pauli den Fußball neu denkt – und was der FC Bayern lernen kann

Veröffentlicht unter: Auch für FC Bayern interessant: Wie St. Pauli Fußball neu denkt

Vergangenes Wochenende ging es am Millerntor um die Zukunft der Fußballkultur – und das ist auch für den FC Bayern interessant. Der FC St. Pauli und die Agentur Serviceplan Culture hatten zur zweiten „STANDS Conference“ geladen. Zwei Tage lang diskutierten internationale Klubvertreter, Kreative und Fans über die Frage, was Fußball eigentlich jenseits der 90 Minuten bedeutet – gefolgt von einem offenen „Nachbarschaftstag“ mit Flohmarkt, Kunst und Musik mitten im Stadion und im Stadtteil. Die Themen am ersten Konferenztag trafen den Nerv der aktuellen Debatten: Wie werden Vereine zu echten Kulturmarken? Wie entstehen aus digitaler Hype-Kultur reale Communities? Fragen, die man…

1 „Gefällt mir“

Es wäre schade, ginge dieser Artikel unter. Da stecken viele gute Gedanken und wichtige Themen drin. Sehr viel von dem, was ich mir oft denke, wenn man die aktuellen Entwicklungen sieht - es wäre möglich, Dinge anders zu machen. Ich würde mir auch sehr wünschen, dass der FC Bayern sich bei solchen Tagungen einbringen würde.

1 „Gefällt mir“

Ich denke, es geht hier um Männerfußball, was ja auch richtig ist, er interessiert die Menschen.

Was mir nicht klar ist: wo sollen diese eigenen Wege des Frauenfußballs denn sein?

Regeln - gleich, Spielfeld - gleich, Trikots - gleich, Tormusik - gleich, übertragende Sender - gleich, Kommentatorinnen und Kommentatoren - gleich

Es wäre ehrlicher, es würde einfach über Männerfußball diskutiert.

Auch von mir ne Rückmeldung dazu:
Ich weiß nicht, warum man St. Pauli, die sicher spannende Ideen für den Männerfußball und Vereinsstrukturen haben, irgendwie positiv im Zusammenhang mit Frauenfußball erwähnt.
Da gab es erst vor 2-3 Tagen öffentliche Kritik durch eine ehemalige Fußballerin/Influencerin Nina Lange, die eben kritisiert, dass das progressive Image und die Haltung/Behandlung des Frauenfußballs nicht zusammenpassen.
Da gabs dann auch ne Antwort des Vereins in einer Zeitung dazu, der vor allem Abwehrhaltung signalisiert und Probleme sieht, eher als Willen etwas zu ändern.

Anbei ihr Kritikvideo:

1 „Gefällt mir“

Ein altes Missverständnis, zu glauben, progressive Menschen wären in Bezug auf Frauen auch nur ein bisschen moderner als Konservative. Das nimmt sich nix.

Aber nicht falsch verstehen: das ist kein Vorwurf. Ich bin ganz froh, dass Gotham City FC nicht die Frauenmannschaft von New York City FC ist und Dallas Wings nicht die Frauenmannschaft der Dallas Mavericks.

1 „Gefällt mir“

Tbh ist das Vereinswesen in Deutschland und das emotionalisieren/Verbinden von Fans mit einem Verein in Europa und speziell in Deutschland noch mal ein ganz anderes.
Man wird häufig Fan des Vereins aus der Nähe, oder durch die Eltern oder Freunde, wenn man sehr jung ist und man ist man häufig ganzheitlicher Vereinsfan.
Bedeutet das, man verfolgt automatisch alle Sparten des Vereins?
Nein, aber wenn man eine weitere Sparte verfolgt, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man eben Fan der Mannschaft des eigenen Vereins in dieser Sparte wird.
Und das sorgt dafür, dass ein Großteil der potenziellen Fans in Europa eben an ihre Pendants aus dem Männerfußball gebunden sind.
In Deutschland sicher nochmal stärker als im Rest von Europa, aber ich finde man sieht das auch super an den Kang Projekten in Europa.
Die Zuschauerzahlen von LCL sind aufgrund des Starfaktors zumindest jetzt grade höher, aber wirkliche Stimmung war beim ersten Spiel gegen United nicht vorhanden.
Das hatte dieselbe Stimmung wie Hoffenheim Leverkusen bei uns nur mit nem volleren Stadion.
Daher bin ich auch gespannt, wie sich etwas wie Viktoria Berlin hier etablieren will, weil man hat mit mindestens Union schon einen Berliner Club und eventuell kommt Hertha mit hoch und dann hätte man bereits zwei Berliner Clubs, die ein Groß der Berliner Fußballfans auf sich ziehen.
Diese eingefahrenen Strukturen haben sicher ihre Nachteile, gleichzeitig muss man keine Sorgen haben, dass ein Franchise einfach in eine andere Stadt verkauft wird, weil der Besitzer wechselt oder ein anderer Markt interessanter ist.

1 „Gefällt mir“

Spannende Frage; ich denke, was auch immer diese eigenen Wege sein sollen, es ist/wäre eine zweischneidige Sache:
Einerseits wäre es sicher sehr hilfreich, wenn der Frauenfußball eine eigenständige Ausprägung entwickelt, die ihn signifikant vom Männerfußball unterscheidet und somit die ständigen Vergleiche (die die Frauen physiologisch bedingt nicht gewinnen können) wegfallen.
Andererseits ist natürlich die Frage, ob auf diese Weise das Zuschauerinteresse so weiter gesteigert werden kann, dass man (bzw. frau) finanziell in die Lage kommt, unabhängig vom Männerfußball richtige Profibedingungen bieten zu können.

Aber, da gebe ich @Clarissa recht, wenn aktuell vorwiegend nur die Frauenmannschaften des Klubs XY in Erscheinung treten, wird das mit der Eigenständigkeit schwierig. Ich muss für mich selbst gestehen, wenn ich lese (z.B.) „der FC Bayern hat gegen ManCity verloren“, dann denke ich erst „Scheiße, hab ich da was verpassst?“ und wenn ich dann kapiert bzw. gelesen habe, dass es um die Frauen geht, fühle ich mich ehrlich gesagt ein wenig vera…, dass das nicht klar geschrieben wird auch in der Überschrift. (Hätten die das aber klar gemacht, wäre natürlich der Eindruck entstanden, dass es ja „nur“ die Frauen sind bzw. diese halt ein Anhängsel der großen Klubs).
Insofern wären eigenständige Klubs oder mindestens Namen ein großer Schrittt nach vorne - dummerweise gäbe es dann aber wohl keine Querfinanzierung der großen Klubs mehr …

“Real Madrid holt Mittelfeldstar vom FC Bayern”. In der Sache richtig, wie sich jetzt zeigt auch (mindestens numerisch) tatsächlich ein Verlust, aber man weiß natürlich, was da impliziert wird und wen man zum Klicken verleiten will.

Das passiert aber auch innerhalb der Männermannschaft “Bayernstar verlässt Bayern am Ende der Saison”. Dazu ein Bild von Harry Kane. Und halb schräg dahinter steht auch irgendwo Raphaël Guerreiro. Oder die Basketballmannschaft. Da habe ich jetzt nichts konkretes, da ich den Basketball länger nicht verfolgt habe, aber auch dort gibt es ja “Real Madrid”, “FC Bayern, “FC Barcelona” aus denen sich Überschriften basteln lassen um Fußballfans zum klicken zu bringen. Die Frauen werden da als ein zusätzliches Mittel zum Clickbaiting genutzt.

Das nur als Ergänzung. Da ist jetzt kein Lösungsvorschlag für das Dilemma “Aufmerksamkeit” und “Unabhängigkeit vom Männerteam” enthalten.

2 „Gefällt mir“

Der FC St. Pauli hat dafür einen bemerkenswerten Anstoß geliefert.

Also ich habe den Artikel jetzt dreimal gelesen und irgendwie den Verdacht dass ich nur einen Ausschnitt lese. Ansonsten würde ich fragen: was war denn jetzt so bemerkenswert? Ich lese ja nur die Themen bzw. Problemstellungen und nicht was eigentlich zwei Tage lang diskutiert wurde.

Die Idee mit der Geldumverteilung an die Ausbildungsvereine finde ich gut. Zum Frauenfußball habe ich allerdings gar keine Meinung wenn ich ehrlich bin. Ob das jetzt weiterhilft mit der Ausgliederung? Keine Ahnung. Interesse kann man halt nicht erzwingen. Wer es hat ist eh schon aufmerksam, ob jetzt dadurch jemand „hinterm Ofen“ vorgelockt wird kann ich mir nicht vorstellen.

Was den FC Bayern betrifft: wenn man den Newsletter abonniert hat bekommt man doch alle Nase lang Einladungen zum Schafkopfen, Round-Table etc., dazu die Besuche bei den Fanclubs, Familientage, (ex-) Stars im Bayern-Museum und was nicht alles. Was da jetzt bei St. Pauli gerade sowas besonderes sein soll erschließt sich mir nicht ganz.

2 „Gefällt mir“

Stimmung nach den Maßstäben des Männerfußballs. Vielleicht mögen viele Frauen diese Stimmung gar nicht?

Die Querfinanzierung ist wichtig, wenn man vor der SGS Essen und Turbine Potsdam sein will. Wenn man mit Lyon oder London City Lionesses mithalten will, funktioniert es nicht mehr, wie man bekanntlich momentan deutlich sieht.

Und ich verstehe dich gut, sehr viele Männer fühlten sich auch vera….., als plötzlich eine Frau Außenministerin wurde. Oder als Claudia Neumann ein Spiel kommentierte. Und für viele sind ja schon die 15% Frauen auf der Rock am Ring-Bühne oder eine Tatort-Kommissarin unerträglich: “Dafür hab ich doch keine Karte gekauft!”

Wenn ich erfolgreiche Frauenclubs sehe, ob in der NWSL oder der WNBA ist der Unterschied zum deutschen Frauenfußball: es gehen mehr Frauen hin. Weil man Frauen anspricht.

Solange der Frauenfußball sich weiterhin nahezu ausschließlich an männliche Fans von Männerteams richtet, wird sich nichts verbessern, da kann er Play Offs und Konferenz machen so viel er will. Die allermeisten Männer verachten Frauenfußball (doch, Kommentare auf social media rechtfertigen dieses Wort), ich kann mir nicht vorstellen, dass da auch nur einer sagt: “Also bisher fand ich es auf dem Niveau von C-Jugend, aber wenn die ne Konferenz haben, schau ich das ab jetzt auch”. Aber gut, Männervereine verstehen unter Fußballfan eben: einen Mann.

Falls das ein elegant gezirkelter Vorwurf an mich alten Macho sein soll, dann hast du mich komplett falsch interpretiert.
Ich hätte es super gefunden, wenn Annalena Baerbock Bundeskanzlerin geworden wäre und Kamala Harris US- Präsidentin. Und Frauen, die Fußball kommentieren, finde ich ebenfalls top - sofern sie keinen Müll erzählen; aber das tun die männlichen Kollegen viel öfter.
Mein Punkt war der, dass solche scheinbar von der Gleichstellung getriebenen Schlagzeilen im Wahrheit meistens einfach nur Clickbaiting sind. Und da fühle ich von den Männern (davon gehe ich mehrheitlich aus), die diese bewusst eingesetzten Spielchen treiben, verarscht.

Ich meinte null dich persönlich, ich meinte die große Mehrheit der Fußballfans, siehe Essen und Rostock “Keine Weiber in die ersten Reihen” (der Kurve).

Unter dem Nations-League-Zusammenschnitt hab ich bei YouTube gelesen „Auf jede von euch wartet irgendwo eine einsame Küche.“ Und da denke ich mir einfach: so weit sind wir einfach noch nicht gekommen. Wir können gerne so tun in unserer linken Medienbubble, wo wir alle superdivers sind und offen und so, der Breitenfußball ist nicht so, glaubt mir. (Kathrin Längert)

1 „Gefällt mir“

Das sehe ich auch so. Die Frage nach der Lösung ist aber schwieriger. Denn mMn ist ein Grund für diese bessere Ansprache der Frauen auch eine andere Fangkultur in Übersee. Wie du selber schreibst, ist das erstmal kein Problem. Aber ich denke es kann sich schon ein Problem ergeben, wenn zwei Fankulturen in einem Verein aufeinander treffen. Denn man will ja Fans für den Verein begeistern und nicht unbedingt verschrecken. Genau das kann in so einem Fall aber eben passieren. Deswegen muss man da vorsichtig sein. Ich gebe aber zu, dass man auch mehr machen muss und sollte.

Deswegen bin ich für das Modell London City Lionesses und Viktoria Berlin. Dann passiert genau das nicht: dass zwei Fankulturen in einem Verein aufeinander treffen. Wobei, beim Halbfinale in Barcelona hatte ich auch das Gefühl: der Frauenanteil ist da aber wesentlich höher als in München.

1 „Gefällt mir“

Danke für die vielen Rückmeldungen, das freut mich, gerade auch die kritischen Nachfragen. Vielleicht ist ein Missverständnis entstanden, was ich mit dem Text eigentlich wollte: Mir ging es nicht darum, die zwei Tage vollständig abzubilden oder fertige Antworten zu liefern. Ich wollte vor allem einen kleinen Eindruck von der Veranstaltung vermitteln und zeigen, welche Fragen und Spannungsfelder dort eine Rolle gespielt haben. Für vieles, was diskutiert wurde, war in einem kurzen Artikel schlicht kein Platz und sicher habe ich auch nicht alles mitbekommen.

Das betrifft auch die Passage zum Frauenfußball. Mit „eigenen Wegen“ meinte ich nicht andere Regeln, kleinere Tore oder eine künstliche Abgrenzung vom Männerfußball. Eher ging es mir um Fragen rund um Ansprache, Organisation, Vermarktung und Fankultur: Wen möchte man erreichen? Welche Atmosphäre soll entstehen? Wie spricht man auch Menschen an, die bisher keinen Zugang zum Fußball haben und auch nicht nur diejenigen, die ohnehin schon Fans eines Männervereins sind? Und wie viel Eigenständigkeit ist möglich oder sinnvoll, wenn gleichzeitig die Infrastruktur und das Geld großer Vereine gebraucht werden? Alles nicht so einfach.

Eure Einwände zeigen aber auch, dass man diese Fragen nicht losgelöst von der konkreten Praxis beantworten kann. Ein progressives Vereinsimage bedeutet wirklich nicht automatisch, dass der Umgang mit Frauenfußball ebenfalls progressiv ist. Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen, muss man das ansprechen. Die Kritik an St. Pauli ist deshalb ein wichtiger Hinweis – und hätte im Artikel vielleicht deutlicher als Gegenperspektive auftauchen müssen. Ich bin mir aber sehr sicher, dass das innerhalb des FC St. Pauli auch wirklich kontrovers diskutiert wird.

Auch bei eigenständigen Frauenfußballklubs sehe ich kein einfaches Für oder Wider. Modelle wie London City Lionesses oder Viktoria Berlin können eine eigene Identität entwickeln und neue Zielgruppen ansprechen. Gleichzeitig fehlen ihnen aber die gewachsenen Bindungen, die Reichweite und oft auch die Infrastruktur großer Vereine (Stadion, Trainingsplätze usw.). Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Debatte.

Was den FC Bayern betrifft: Natürlich gibt es dort bereits viele Formate, in denen der Verein mit Mitgliedern und Fans ins Gespräch kommt, ich finde es auch super und bekomme als Mitglied die eMails. Der Unterschied, den ich bei St. Pauli wahrgenommen habe, lag für mich weniger in einem bestimmten Format als in der Selbstverständlichkeit, mit der gesellschaftliche und strukturelle Fragen zum Thema eines Vereinsdialogs gemacht wurden. Das heißt nicht, dass Bayern so etwas grundsätzlich nicht tut oder St. Pauli in dieser Hinsicht alles besser macht. Ich habe mich eher gefragt, ob auch beim FC Bayern noch mehr Räume möglich wären, in denen solche Fragen offen und nicht nur aus einem konkreten Anlass heraus diskutiert werden. Und mir gefällt einfach, wie der Verein in den Stadtteil integriert ist.

Der Artikel war deshalb als Anstoß gedacht, nicht als vollständige Dokumentation der Tagung und auch nicht als abschließendes Urteil über St. Pauli oder den Frauenfußball. Dass sich daran so unterschiedliche Perspektiven ergeben, spricht aus meiner Sicht also sehr dafür, dass solche Räume extrem wichtig sind. Puh, sorry für den langen Text! :slight_smile:

5 „Gefällt mir“

Richtig. Der Frauenfußball sollte sich entscheiden: will er “Männerfußball in schlechter” sein oder etwas anderes. Dann muss er - und das wird die Aufgabe von London City Lionesses und Viktoria Berlin - wirklich bei null anfangen und ein eigenes, neues Publikum ansprechen. Das ist schwierig, aber eine andere Chance haben sie nicht.

2 „Gefällt mir“

Vor allem - wirklich kritisch - müsste der Frauenfussball sich dann aus eigener Kraft neu erfindne und aufbauen. Solange man von den männlich dominierten Verbänden und Vereinen massiv unterstützt wird, kann nichts Eigenes entstehen.

2 „Gefällt mir“

Richtig! Das müssen die Verantwortlichen dann schon tun. Und ich glaube, es wäre auch möglich. Die Frage ist immer: haben Frauen dieses Selbstbewusstsein zu sagen “wir machen es”? Wenn ihnen von klein auf gesagt wird “Halt dich mal zurück”, “Sei nicht so laut”, “Lächle mal" mehr” etc.